Geführte Wanderung: Ganz nah’ an den Wundern der Natur

Geführte Wanderung : Ganz nah’ an den Wundern der Natur

Während den Menschen vier Jahreszeiten genügen, haben Tiere und Pflanzen ganz andere Ansprüche. Eine Wanderung förderte Erstaunliches zu Tage.

Der Wetterbericht hat Schauer angedroht, also schließe ich mich Wanderführer Karlheinz Richter in regendichter Wachsjacke an. Nicht mein einziger Fehler an diesem Tag. Als zugewanderter Niederrheiner folge ich meinem ortskundigen Führer bei seiner geführten Runde durch den Hochwald von Weiskirchen mit dem Titel „Die zehn Jahreszeiten“, um etwas mehr über meine neue Heimat zu erfahren. Knapp zehn weitere Teilnehmer sind mit von der Partie. Die als leicht bis mittelschwer eingestufte Wanderung soll in drei bis vier Stunden etwa zehn bis dreizehn Kilometer lang sein und zwischen 50 und 60 Höhenmetern schwanken.

Vom Parkplatz am Waldfreibad aus geht’s nach der Begrüßung los. Gleich mehrere Wege bieten sich hier an. Einer erscheint mir besonders steil – klar, freundlich lächelnd weist Richter genau auf diesen Anstieg. Dauert nicht lang, schon schnaufe ich als Niederrheiner unüberhörbar auf diesem Wildnis-Trail in Richtung Schlittenbachtal. Mein schweißtreibender Versuch, mir nichts anmerken zu lassen, geht gleich den Bach hinunter. Aber mein Führer zieht dezent eine liebenswürdige Konsequenz: „Gehen Sie ruhig vor, die Gruppe wird sich Ihrem Tempo anpassen.“ Also dann – weiter geht’s.

Zwischendurch lassen die ersten Sonnenstrahlen das Herbstlaub in seiner ganzen Farbenpracht erstrahlen. Von Regen keine Spur, wie lästig so eine Wachsjacke doch sein kann! Nach einigem Auf und Ab – 50 bis 60 Höhenmeter können erstaunlich schweißtreibend sein – stoppt Richter seine Wanderer. Während sich ein einsamer Pilzsucher mit seinem Korb zwischen den Bäumen verabschiedet, kommt unser Führer erstmals auf das Thema dieser Wanderung zu sprechen.

„Wir alle kennen unsere vertrauten Jahreszeiten, aber unsere Tiere und Pflanzen haben eine ganz spezielle Art, damit umzugehen.“ So habe man vom Deutschen Wetterdienst die „Phänologie“ nach einigen Jahrhunderten wieder ausgegraben, die von den Erscheinungsformen der Pflanzen und Tiere ausgehend insgesamt zehn Jahreszeiten je nach Region definiere. Schon im Jahr 705 habe der japanische Kaiserhof wissen wollen, wann in jedem Jahr die Kirschblüte einsetzt. Unter anderem in Schottland und Schweden habe es später solche dokumentierten phänologischen Beobachtungen gegeben.

Richter weiter: „Im Jahr 1882 hat der deutsche Meteorologe Hermann Hofmann konkrete Regeln für solche Beobachtungen und Messungen aufgestellt. Vom damaligen Reichswetterdienst wurden im zweiten Weltkrieg rund 7000 Beobachtungsgebiete flächendeckend ausgewiesen. Nicht nur in Deutschland errichtete man dann phänologische Gärten – der von uns nächste ist übrigens in Hellenthal in der Eifel. Und alle diese Gärten haben die gleichen Pflanzen. So gilt beispielsweise die Forsythie als Zeigerpflanze für den Erstfrühling. Und da dieser Strauch regional unterschiedlich früher oder später mit dem Blühen beginnt, sind diese zehn phänologischen Jahreszeiten deutlich präziser als die uns ansonsten vertrauten Jahreszeiten.“

Bei diesem interessanten Vortrag hat mein zuvor bereits strapazierter Körper wieder zum Ruhepuls zurückgefunden. Aber schon geht’s wieder weiter in Richtung Naturdenkmal Herberloch. Unterwegs erläutert der Wanderführer an einem ganz aktuellen Beispiel, dass auch die wildlebenden Tiere in diese phänologischen Beobachtungen einbezogen werden: „Wer hat denn an den vergangenen Tagen die Kraniche über Weiskirchen ziehen gesehen?“

Nach der Zustimmung einiger Teilnehmer ergänzt er, dass auch der Vogelzug zur Bestimmung des phänologischen Kalenders beiträgt. Beneidenswerte Kraniche! Schweiß auf der Stirn und erneut beginnende Atemnot erinnern mich bald wieder daran, dass die Höhen des Hochwaldes für den Niederrheiner durchaus eine Herausforderung darstellen. Ein zugegeben etwas neidischer Blick auf die anderen Teilnehmer aus dem ganzen Saarland sagt mir, die sind ausnahmslos durchaus fitter als du.

Dann führt uns der Wildnis-Trail in eine „Kinderstube des Waldes“. Eine kleine Lärchenkultur innerhalb des prächtigen Mischwaldes finde ich in ihrer goldenen Farbenpracht einfach nur schön. Aber Richter sieht es durch die „phänologische Brille“ viel fachkundiger: „In dieser Kinderstube des Waldes wachsen die mannshohen Lärchen auch als Zeigerpflanzen, die uns mit ihrer aktuellen Herbstfärbung wichtige Hinweise auf den Jahresstand der phänologischen Uhr vermitteln.“ Solche typischen Erscheinungsbilder böten aber auch die Schwalben mit ihrem Kommen und Gehen oder die ersten Honigbienen im Frühjahr, wenn sie noch etwas tapsig auf den Blüten landen, weil sie erst noch ihre im Winter angesammelten Stoffwechselprodukte ausscheiden müssen.

Beim anschließenden Gang in Richtung Bärenfels erleichtern uns sechs schön angelegte Brücken die bergab führende Wanderung längs eines malerischen Baches. Ich frage unseren Führer: „Wer unterhält eigentlich solche Anlagen?“ Die nachhaltige Pflege derselben zähle auch zu seinen Aufgaben, erläutert Richter: „Bei meinen Vortouren, wenn ich meine Wandertouren plane, achte ich auf etwaige Beschädigungen und melde diese der Touristik GmbH Weiskirchen, die dann später für die entsprechenden Reparaturen sorgt.“

So folgen wir weiter der gut ausgeschilderten Route, die unter anderem am Bären- und am Eulenfelsen zum Teil atemberaubende Fotomotive bietet. Und da inzwischen auch bei mir die verringerte Atemnot eine gewisse Gewöhnung an die ungewohnten Höhenmeter signalisiert, fällt es mir immer leichter, den interessanten Ausführungen des Wanderführers zu allen diesen Naturdenkmalen zu folgen. Wenn er beispielsweise informativ über die Felsstrukturen des Eulenfelsens plaudert, bedarf es keines Geologiestudiums, um seine Ausführungen wirklich verstehen zu können.

Und weil es mir inzwischen möglich ist, der Gruppe ohne Schnappatmung zu folgen, komme ich auch problemlos mit den anderen Teilnehmern ins Gespräch. Da ist zum Beispiel ein gebürtiger Belgier mit von der Partie, den es seines Berufes wegen ins Saarland verschlagen hat: „Es gibt doch hier nichts schöneres als eine herbstliche Wanderung durch den interessanten Hochwald rund um Weiskirchen. Auch anderswo ist das Saarland so attraktiv, dass ich es nie bedauert habe, hierher gezogen zu sein.“ Ich beginne, ihn als selbst Zugewanderter bestens zu verstehen…

Wanderführer Karlheinz Richter erzählte den Teilnehmern seiner Exkursion einiges über die Besonderheiten der Natur. Hier gab es Hintergrund-Wissen zu einem jungen Lärchenbestand. Foto: Dieter Ackermann
Hinweisschilder halfen bei der Orientierung. Foto: Dieter Ackermann

Da inzwischen kurz nach 17 Uhr langsam die abendliche Dämmerung einsetzt, und unser Führer aus Erfahrung weiß, dass manche Teile des Weges in der Dunkelheit gerade für ungeübte Wanderer gefährliche Stolpersteine unter herabgefallenem Herbstlaub verstecken, führt er uns noch bei ausklingendem Tageslicht sicher zurück zum Ausgangspunkt am Waldfreibad, wo unsere Autos warten. Endlich kann ich mich meiner Wachsjacke entledigen, die längst von innen deutlich nasser ist als von außen. Was bleibt zum Schluss dieser Wanderung? Viele interessante Informationen über die neue Heimat und die auch hier tickende „Phänologische Uhr“ sowie die Erkenntnis, dass ich noch an meiner Fitness arbeiten muss. Den abschließenden Applaus seiner Gruppe hat sich Karlheinz Richter redlich verdient.

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