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Industriekultur
„Es tut mir weh, wie der Bergbau dasteht“

Ein Ort zur Einkehr: Delf Slotta auf der Bergehalde an der Grühlingstraße. Die Verbindung von Natur und Industriekultur – wie man sie auf einer Halde finden kann – sei ideal, um Menschen für das Erbe von Kohle und Stahl zu gewinnen, meint Slotta.
Ein Ort zur Einkehr: Delf Slotta auf der Bergehalde an der Grühlingstraße. Die Verbindung von Natur und Industriekultur – wie man sie auf einer Halde finden kann – sei ideal, um Menschen für das Erbe von Kohle und Stahl zu gewinnen, meint Slotta. FOTO: Robby Lorenz
Saarbrücken. Die Zuständigkeit für Industriekultur liegt nun beim Kultusministerium. Der Fachmann dafür aber ist der alte, Delf Slotta. Er setzt nun verstärkt auf die Verbindung von Natur und Bergbaurelikten. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen: Dank Albert Camus weiß man, auch immer neue Anläufe aufs große Ziel können am Ende doch Glück bedeuten. So gesehen ist Delf Slotta wohl auch eine Art saarländischer Sisyphos. Er wälzt und wälzt und wälzt seit Jahren jenen Stein aufwärts, auf dem „Industriekultur“ eingemeißelt groß zu lesen steht. Immer aber, wenn er den dicken Brocken fast oben hat, auf dem Berg, damit ihn alle auch gut sehen können, auf dass das Erbe von Kohle und Stahl endlich jene Anerkennung finden möge, die ihr gebührt, rollt das Ding wieder runter.



Just hat Regierungsdirektor Slotta, quasi eine Geburtstagsüberraschung zu seinem heutigen Sechzigsten, wieder mal einen neuen Boss. Statt Anke Rehlinger heißt der nun Ulrich Commerçon. Das Aufgabenfeld Industriekultur wurde vom Wirtschaftsministerium ins Kulturministerium verlagert. Geograph Slotta steht dort nun dem Referat „F 2“ vor. Klingt bedeutend. Entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung eher als Referatchen in der Abteilung „Denkmalpflege und Industriekultur“, letztlich ein besserer Zwei-Mann-Betrieb.

Alles auf Anfang also? „Es ist immer schön, am Aufbau einer neuen Struktur mithelfen zu können“, kommentiert Slotta, der auch Direktor des Instituts für Landeskunde ist (noch so eine Zweieinhalbstellen-Unternehmung), das schon mit einer gewissen Altersgelassenheit. Doch wer nur weit genug zurückblicken kann, weiß natürlich, dass in puncto Montan-Relikte im Saarland schon öfters mal die Zuständigkeiten wechselten. Mal wurde eine Haupt- und Staatsaffäre daraus gemacht, priesen diverse Minister „Zukunftsstandorte“, deren Zukunft wenig später dann schon wieder fraglich war. Und oft genug wurden auch kleine Brötchen gebacken. Von der großen „Das Erbe“-Ausstellung in Reden blieben etwa bloß noch virtuelle Krümel übrig. Heißt das nicht, die eigene Geschichte klein machen?

Slotta sieht das anders; man habe durchaus viel erreicht. Dass hier mittlerweile überhaupt, wie in Camphausen, wahrgenommen werde, dass da mit dem Hammerkopf-Förderturm von 1912 ein rares Technik-Momument in Eisenbeton-Architektur überliefert ist, sei doch ein Erfolg. Stimmt wohl. Gerade auch auf die Berghalden und deren Neunutzung als Erlebnis- und Freizeitrareal, ist er richtiggehend stolz. Wenn sich Saarländer wie Auswärtige etwa die Halde Lydia erwandern, im Wasserspiel die Himmelspiegel entdecken – ein Glücksmoment für ihn, wenn er das beobachten darf. Auch wenn in Reden die Halde tobt, zum Konzertplatz und zur Abfeier-Location wird, freut sich der Industriekultur-Experte noch. Und dann erst das Saar-Polygon! „Es ist doch großartig, wenn man sieht, mit welcher Begeisterung die Leute dort rauf klettern und gar nicht mehr runter wollen, weil es dort oben so schön ist“, jubelt Slotta. Dass Denkmal genüge eben nicht nur aus der Ferne seinem Erinnerungsauftrag, es sei zum Pilgerort geworden, entfache Emotionalität – bei den Kindern und Enkelkindern der Kohle.

„Mehr davon!“, wünscht und fordert Slotta darum, hat sich die Verbindung von Natur und Industriekultur denn auch ganz oben auf die Agenda seines Klein-Referates geschrieben. Selbst wenn er weiß, „dass die Politik kein Geld dafür hat“. Gerade solche Landmarken-Kunst auf und mit alten Montanstätten, diese kunstvoll ins Licht zu setzen, zu illuminieren, helfe auch die Herzen der Leute zu erreichen. Also doch kein Sisyphos? Zumindest rollt Slotta der Stein nicht gleich wieder den ganzen Berg hinab.



Trotzdem macht ihm die aktuelle Debatte um das schädliche Bergbau-Erbe das Heraufwälzen schwer, den Berg steil. Mit PCB vergiftetes Grubenwasser, die Folgen der geplanten Flutungen, die Erschütterungen, die Schäden an Häusern, das freigesetzte Radon: Viele im Saarland sind auf den Bergbau, vor allem aber, die RAG, die Institution, die ihn noch vertritt und abwickelt, schlecht zu sprechen. Da stößt ein professioneller Erinnerer wie er nicht auf offene Ohren. Slotta hat dafür Verständnis. „Mich hat der Bergbau stets fasziniert, weil es eine Industrie war, die auf alle Probleme Lösungen gefunden hat“, sagt er. Jetzt aber stehe man vor Herausforderungen, für die es anderswo noch keine Lösungen gab. Auch er, der Geograph und Industriekultur-Kenner, sieht die Grubenflutungen skeptisch. Nicht umsonst gebe es den Begriff „Ewigkeitslasten“, argumentiert er. Weil man eben davon ausging, dauerhaft Grubenwasser abpumpen zu müssen. „Mir tut es weh, wie der Bergbau gerade dasteht“, sagt Slotta, aber er verstehe auch jeden, der ob der Folgen sich kritisch dazu äußert.

Dennoch wird der jetzt 60-Jährige nicht müde an das „Positive“ zu erinnern, das Kohle und Stahl der Region brachten. Zig Tausende hat er in Jahrzehnten auf Halden und zu Fördertürmen geführt, Augen, Ohren (und Herzen) geöffnet. Das wird er auch weiterhin tun. Und im neuen Referat im Kultusministerium dafür Konzepte entwickeln und versuchen sie umzusetzen. Ein glücklicher Sisyphos eben.