„Wir sind die Zukunft“

Jungregisseurin Franziska Hoenisch zeigt beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken (23. bis 29. Januar) ihren ersten Spielfilm. Es ist gleichzeitig ihre Abschlussarbeit für die Filmakademie und behandelt das Flüchtlingsthema: Eine Berliner WG nimmt den aus Kamerun stammenden Samuel bei sich auf. Die Mitbewohner und er wachsen einander ans Herz, als sich Samuels Situation dramatisch ändert. Merkur -Mitarbeiter Sebastian Dingler sprach mit der 32-Jährigen, die etwas Besonderes mit Zweibrücken verbindet.

In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie in Zweibrücken geboren wurden - wie kam das?

Franziska Hoenisch: Mein Vater war viele Jahre Förster im Forstamt in Blieskastel. Nach meiner Geburt sind meine Eltern dann weggezogen. Ich bin dann im Rheinland aufgewachsen.

Das heißt, Sie können sich gar nicht an unsere Gegend erinnern?

Hoenisch: An Blieskastel schon. Wir waren da öfter noch zu Besuch, weil meine Eltern da noch Freunde hatten.

Wo leben Sie jetzt?

Hoenisch: Ich wohne in Berlin.

Aber Sie haben in Ludwigsburg an der Filmakademie studiert?

Hoenisch: Das tue ich sogar noch aktuell bis April. Mit dem Film "Club Europa" mache ich meinen Abschluss. Ich bin die letzten Jahre zwischen Berlin und Ludwigsburg gependelt.

Wie kamen Sie dazu, Filme zu drehen?

Hoenisch: Ich habe vorher Kulturwissenschaften studiert, da hatte ich das Hauptfach Bildende Kunst und im Nebenfach auch Medien. Da habe ich auch mal einen Kurzfilm gedreht, aber noch nicht gedacht, dass das Filmen etwas für mich ist. Während eines Praktikums bei Arte in Straßburg habe ich gemerkt, dass mich das Filmen interessiert, vor allem, wenn man es selber macht. Da gab es auch tolle Unterstützung für mich, also fasste ich den Mut, mich an der Filmhochschule zu bewerben.

Sie haben schon vor Club Europa mit Jugendlichen etwas zum Thema Willkommenskultur gedreht: Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Flüchtlingsthema?

Hoenisch: Das war eine medienpädagogische Arbeit, die ich angeleitet habe. Ich habe da mit Jugendlichen mit Fluchthintergrund gearbeitet, die selbst ihre Filme gemacht haben. Mein ganz konkreter Bezug zum Thema kam vor ungefähr drei Jahren, als ich meinen Dokumentarfilm zum Thema "German Angst" abgeschlossen hatte. Ich hatte mich da viel damit beschäftigt, was die Deutschen besorgt, und eines davon war die Angst vor dem Fremden. Man hat dann immer mehr von den Leuten gehört, die übers Mittelmeer nach Europa kamen und dann, ein Jahr später war es das Thema. Das war dann echt verrückt, dass der Stoff, an dem wir gearbeitet haben, immer präsenter wurde. Dann gründete sich diese Organisation, die Flüchtlinge in WGs vermittelt.

Genau wie in dem Film - da geht es ja auch um eine WG, die einen Flüchtling aufnimmt. Da konnten Sie ja auf reale Begebenheiten zurückgreifen.

Hoenisch: Ja, ganz stark. Das war wirklich spannend, weil man an etwas dran war, was so neu war, dass man noch nicht mal einen Dokumentarfilm darüber machen konnte, weil das alles noch in den Kinderschuhen steckte.

Das heißt, Ihr Drehbuchautor hat dann einfach eine Geschichte darüber geschrieben?

Hoenisch: Genau. Wir haben viel recherchiert, waren in Unterkünften und haben mit Leuten gesprochen, die selbst eine Flucht erlebt haben. Das war eine bereichernde Zeit und wir haben uns da auch mit Geflohenen angefreundet.

Aber Sie selbst haben nicht in einer WG gewohnt, die einen Flüchtling aufgenommen hat?

Hoenisch: Nein. Aber momentan lebt in meinem Zimmer in Berlin - während ich für die Postproduktion noch mal nach Stuttgart ziehen musste - ein Geflohener. Wir haben im Team und Freundeskreis Mikrospenden gesammelt, sodass wir das Zimmer finanzieren können.

Der Flüchtling im Film kommt aus Kamerun - wieso dieses Land?

Hoenisch: Es war so, dass wir Leute aus Kamerun kennengelernt hatten. Die Entscheidung war aber auch klar, dass wir die Geschichte von jemanden zeigen wollten, der ein sogenannter "Wirtschaftsflüchtling" ist.

Wobei es ja in Kamerun auch politische Verfolgung geben soll . . .

Hoenisch: Ja, wobei: Kamerun gilt als "sicheres Herkunftsland". Uns ging es darum, dass man sich auch mit jemandem auseinandersetzt, der nach Deutschland gekommen ist, weil er sich ein besseres Leben verspricht. Der Samuel im Film will eben all das machen können, was ich auch machen durfte.

Das ist ja ein umstrittenes Thema, weil viele auch der Ansicht sind, dass nicht jeder nach Deutschland kommen kann, der in seinem Land nicht unsere Möglichkeiten vorfindet - wie stehen Sie dazu?

Hoenisch: Der Film ist jedenfalls als Kritik daran gemeint, dass zurzeit nicht so viele Leute kommen dürfen. Ich denke, in den Medien wird häufig so berichtet, dass man das Gefühl bekommt "Die überrennen uns jetzt". Das finde ich wirklich falsch. Das ist auch faktisch falsch. Ich glaube, dass die wenigsten von uns irgendetwas erlebt haben, wo man auf irgendetwas verzichten musste, weil jetzt Geflohene in unser Land gekommen sind. Die Kritik richtet sich auch an die Leute meiner Generation, die viel reden und nichts machen. Genau über die erzählt der Film.

Wie haben Sie das umgesetzt?

Hoenisch: Die Hauptfigur im Film ist nicht Samuel, sondern die WG-Bewohnerin Martha. Schon deswegen, weil es uns nicht möglich erschien, als Westeuropäer aus der Perspektive eines Geflohenen zu erzählen, weil wir so etwas nicht ansatzweise erlebt haben. Was wir aber kennen, ist die Perspektive der Europäer und auch der Generation, die jetzt aktiv werden müsste. Wir sind die Zukunft, wir könnten etwas machen, wir wissen, wie die Dinge zusammenhängen. Wie etwa unser Konsumverhalten ganz direkt Abhängigkeiten schafft mit Afrika und wie diese Armut dort ganz konkret etwas mit uns zu tun hat, vor allem mit unserem Konsumverhalten. Das ist natürlich nicht so einfach, aus diesem Kreislauf auszusteigen und daran etwas zu verändern. Genau da setzt der Film an.

Was tun Sie denn konkret gegen diese Probleme?

Hoenisch: Wir haben jetzt jemanden aufgenommen in unserer WG, er lebt jetzt seit einem Jahr bei uns. Ich hoffe, dass der Film einen Anstoß gibt, darüber nachzudenken, wie man im Größeren und Kleineren etwas tun kann. Ich denke, das ist ein längerer Prozess und die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ich bin natürlich auch Teil dieses ganzen Kreislaufes und besitze ja auch ein Handy, das im Kongo seinen Ursprung hat, mit dem Rohstoffkonflikt dort. Im Kongo arbeiten in den Tiefen sogar Kinder daran, nach Erzen, mit denen unsere Smartphones und Laptops hergestellt werden, zu graben. Das sind unersetzliche Rohstoffe. Während mit der digitalen Technik in der westlichen Welt der große Reibach gemacht wird, landet davon recht wenig bei den Arbeitern im Kongo. Ich sollte mich also fragen, ob ich wirklich ein neues Handy brauche, nur weil ein neues auf den Markt gekommen ist. Das ist nur ein Beispiel der ökonomischen Abhängigkeit, in die wir andere Menschen bringen, die dann irgendwann vielleicht sagen: Ich will auch nach Europa, das ist doch so nicht fair.

Waren Sie schon mal beim Max-Ophüls-Festival?

Hoenisch: Ja, mit meinem ersten Kurzfilm, den ich an der Filmakademie gemacht habe. Ich freue mich sehr darauf. Es ist eine große Ehre und sehr schön, dass der Film im Wettbewerb läuft.

Was drehen Sie als Nächstes?

Eine Szene aus Hoenischs Spielfilmdebüt „Club Europa“, mit dem sie beim Max-Ophüls-Filmfestival Premiere feiert. Foto: Joas Burggraaf Foto: Joas Burggraaf

Hoenisch: Ich bin gerade an der Stoffentwicklung für einen neuen Spielfilm. Es wird etwas Surreales, Humorvolles und Spannendes sein. Mehr kann ich dazu leider noch nicht sagen.