Windkraft legt im Saarland kaum noch zu

Erneuerbare Energien : Windkraft legt im Saarland kaum noch zu

Der Ausbau der Windenergie kommt im Saarland fast zum Erliegen. Projekte in Mittelgebirgsregionen haben seit 2017 kaum Chancen.

Derzeit könnten im Saarland 273 Windräder in Betrieb sein. Denn von den Behörden ist genau diese Anzahl genehmigt. In Betrieb sind mehr als 210. Allein im ersten Halbjahr 2018 wurden 13 Anlagen zugebaut, so das Saar-Energieministerium. Die gesamte Leistung liegt bei 455 Megawatt (MW) – etwa zwei Drittel des Kohlekraftwerks Bexbach (773 MW).

Allerdings hat das Interesse an neuen Genehmigungen in den vergangenen Jahren kräftig nachgelassen. Das geht aus einer Aufstellung des Landesamts für Umwelt und Arbeitsschutz hervor. 2017 hat die Behörde kein einziges Windrad genehmigt, nachdem 2016 insgesamt 54 positive Bescheide für Anlagen in insgesamt 20 Windparks rausgegangen waren.

Das lag Experten zufolge daran, dass für alle Windanlagen an Land, die nach dem 1. Januar 2017 genehmigt wurden, das neue Ausschreibungsverfahren galt. Die Betreiber  müssen sich seitdem an Windenergie-Auktionen beteiligen, bei denen der günstigste Anbieter den Zuschlag erhält. Für Anlagen, die bis Ende 2016 grünes Licht erhielten, gibt es 20 Jahre lang einen festen Preis pro Kilowattstunde.

Im vergangenen Jahr wurden lediglich vier Windräder in zwei Parks genehmigt. Dies war zum einen der Windpark Freisen-Rothsberg mit zwei Windkraftanlagen, die eine Nabenhöhe von 166 Meter haben und über eine Leistung von je 3,45 MW verfügen. Außerdem hat das Landesamt grünes Licht für zwei Räder im Windpark Pfaffenkopf gegeben, der zwischen Saarbrücken und Riegelsberg gebaut werden soll und ursprünglich sechs Anlagen umfassen sollte. Doch gegen die beiden jetzt genehmigten regt sich ebenfalls Unmut. So hat die Gemeinde Riegelsberg Widerspruch eingelegt. Der Investor habe nicht darauf geachtet, dass die Windräder die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zur Wohnbebauung einhalten würden, so die Begründung.

Im Genehmigungsverfahren befinden sich dem Landesamt zufolge derzeit noch 16 Windräder in fünf Windparks. Der größte ist der Park Wintersteinchen im Mettlacher Gemeindeteil Weiten mit fünf Anlagen. Deren Nabenhöhe soll bei 134 Meter liegen, und sie sollen jeweils über eine Leistung von 3,3 Megawatt verfügen. Der Antrag liegt seit Juni 2016 vor. Der zweitgrößte Windpark im Genehmigungsverfahren ist der Park Wadern-Wenzelstein mit vier Anlagen. Ursprünglich waren sechs Windräder geplant. Der Bürgerinitiative Wenzelstein mit ihrem Vorsitzenden Günter Möcks geht diese Reduzierung nicht weit genug. Sie fordert unter anderen, dass die Räder, die mit einer Nabenhöhe von 164 Meter weithin sichtbar über die Landschaft ragen werden, einen Mindestabstand zu den ersten Häusern von 1200 Meter haben müssen.

Darüber hinaus befinden sich noch drei kleinere Parks mit je zwei Windrädern im Genehmigungsverfahren: die Windparks Hüttersdorf (Schmelz) mit einer Nabenhöhe von 164 Meter und einer Leistung von je 3,3 MW, der Windpark Merzig – auf dem Bachemer Berg (Nabenhöhe 166 Meter, je 4,2 MW Leistung), und der Windpark Ittersdorf auf Wallerfanger Gebiet (Nabenhöhe 149 Meter, je 3,45 MW Leistung). In Ittersdorf gibt es ebenfalls Gegenwehr – unter anderem von der Bundeswehr. Sollte der Park verwirklicht werden, ginge der Saarlandbrigade der landesweit letzte Absetzplatz für Fallschirmjäger aus Transall-Maschinen verloren, so der Einwand aus der Truppe. Zudem befürchten die Ittersdorfer eine zusätzliche Lärmbelästigung, zumal sie schon den Start- und Landeverkehr des Flugplatzes Düren ertragen müssten.

Im Genehmigungsverfahren befindet sich außerdem noch ein zusätzliches Rad im Windpark Schiffweiler-Wiebelskirchen (Nabenhöhe 149 Meter, Leistung drei MW). In diesem Park sind bereits fünf Anlagen genehmigt. Zudem liegt dem LUA ein Antrag auf Vorbescheid für den Windpark Bliesgau Böckweiler mit zwei Rädern (Nabenhöhe 159 Meter, Leistung je 4,2 MW) vor.

In Sachen Akzeptanz der Windenergie geht nach wie vor ein Riss durch die Bevölkerung. Jacob Fuhrmann, Sprecher des Bündnisses Gegenwind Saarland, listet auf seiner Internet-Seite 21 Bürgerinitiativen auf, die sich gegen den weiteren Ausbau der Windenergie wehren. Er fordert unter anderem ein Innehalten beim Ausbau, „bis eine vernünftige Speichertechnologie beim Strom entwickelt ist“. Darüber hinaus soll der Abstand zu den ersten Häusern das Zehnfache der Windrad-Gesamthöhe (inklusive der Rotoren) betragen. Das wären in der Regel mehr als zwei Kilometer. Auf der Gegenseite steht Henry Selzer, Landessprecher Saar des Bundesverbands Windenergie (BWE). Er will erreichen, „dass es mit dem Ausbau der Windkraft an der Saar wieder vorangeht und das Bremserhäuschen verlassen wird“. Die Landesregierung könne in Sonntagreden nicht den Klimawandel beklagen und montags den fossilen Energieträgern das Wort reden. Mit Ministerpräsident Peter Hans (CDU) sei der Landesverband „in einem guten Dialog“.

Energieministerin Anke Rehlinger (SPD) beklagt, dass die Binnenland-Standort beim Ausschreibungsverfahren gegenüber denen an der Küste keine Chance haben. Daher macht sie sich nach wie vor für einen sogenannten Regionalisierungsfaktor stark, eine Art Bonus für die Windräder in Mittelgebirgsregionen. „Das Ausschreibungsregime muss verändert werden, um bessere Bedingungen südlich der Mainlinie zu erreichen“, fordert sie. Ob ihr dies gelingt, ist allerdings offen.

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