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Schauspiel in der Sparte 4: Von den Twin Towers zu Trumps Turm

Schauspiel in der Sparte 4 : Von den Twin Towers zu Trumps Turm

Sprachkritik und Medienschelte: Die Saarbrücker Sparte 4 zeigt Kathrin Rögglas brandaktuelle „Fake Reports“.

Worte und mehr noch Bilder können Waffen sein, mit ihnen wird nicht nur informiert, sondern manipuliert. Wie wir – vor allem über die diversen Medienkanäle und einer erdrückenden, schwer zu sortierenden Bilderflut – kommunizieren, formt ein bestimmtes Weltbild, ein kollektives Gedächtnis und die öffentliche, vom Mainstream beherrschte Meinung.

Die österreichische Erfolgsautorin Kathrin Röggla (Jahrgang 1971) hat die in weiten Teilen hysterische, hochemotionalisierte Berichterstattung über „9/11“ bereits 2002 in ihren „Fake Reports“ sprachanalytisch seziert und zu einem Schauspiel verarbeitet. Für dessen packende Saarbrücker Neuinszenierung von Bettina Bruinier in der Sparte 4 hat Röggla ihre anspruchsvolle Collage aus szenischen, dokumentarischen und literarischen Texten überarbeitet und aktualisiert. Das kollektive 9/11-Gedächtnis erweitert sie um Trump-America – und stellt damit eine Verbindung her zwischen dem Terrorakt vor fast 17 Jahren und der Machtübernahme des Immobilien-Moguls und Talkshow-Stars.

Am Freitag hatte das sehenswerte Stück Premiere. Es legt den Finger in die Wunde unserer durchmedialisierten Gesellschaft, in der mehr emotionalisiert und dämonisiert als informiert wird. Das tut weh und ist anstrengend, denn Rögglas hochkomplexe, stilistisch reizvolle Texte erfordern hundertprozentige Konzentration. Man fühlt sich ertappt beim „Hypen“, ob als Produzent oder Rezipient von „news“.

Die fünf exzellenten Schauspieler (Barbara Krzoska, Christiane Motter, Lisa Schwindling, Leopold Hornung Phillipp Weigand) liefern eine intensive, spannende Vorstellung mit viel Witz. Sie sitzen anfangs auf Stühlen mit Youtube-Schildern, haben dem Publikum den Rücken zugekehrt und führen eine eigenartige Diskussion: Nicht in direkter Rede, sondern im Konjunktiv hauen sie sich gegenseitig Statements um die Ohren, in denen es um die Rolle der Medien bei diesem live übertragenen Terror-Anschlag geht, der eine neue Art der Kommunikation markiert. „Man habe ja...“, „Man könne doch...“ – der Konjunktiv lässt alles im Vagen, Spekulativen. Ein cleverer Kunstgriff. Die Diskussion wird gefilmt und auf eine Leinwand projiziert.

2001 gab es Youtube noch nicht, auch kein Instagram, Twitter oder Facebook. Heute aber sind wir es gewohnt, „News“ auf vielen Kanälen zu konsumieren (und zu kommentieren), darunter immer mehr „fake news“. Die Regisseurin greift das auf in der perspektivischen Aufsplittung des Geschehens in Analog und Digital (Bühnenbild/Kostüme: Justina Klimczyk). Immer mal wieder knallt jemand gegen die Videokamera – und holt uns zurück aus der virtuellen Welt. Das hier hat was mit uns und unserem Weltbild zu tun. Wie viele Wirklichkeiten gibt es? Und wer macht sie? Sparsam werden Fernsehbilder der einstürzenden Türme, geschockter Menschen und des damaligen US-Präsidenten G.W. Bush eingespielt. Es geht um die Frage: Was geht ein in unser öffentliches Gedächtnis? Bruinier hat treffende Bilder gefunden: So lässt sie beispielsweise einen Turm aus Bauklötzen einstürzen, aus dessen Trümmern das Ensemble dann gemeinsam den Trump-Tower aufbaut.

Es gibt hier keine klaren Rollenverteilungen und keine lineare Handlung. Dafür wird viel parodiert. Die beeindruckend textsicheren Darsteller schlüpfen in die Rollen verschiedener Medienvertreter, im zweiten (neuen) Teil treten zudem auf: Polit-Aktivist und Journalist Michael Moore (mit seiner eigenen Wahrheit), zwei patriotisch geifernde US-Kongressabgeordnete, ein „einfacher Bürger“ und unser aller Lieblingsmachthaber Trump inklusive Familienclan sowie Erdogan und Putin. Die Medienleute üben Selbstkritik, sind betroffen, dann empört, auch wütend: In ihrem Bemühen um „Professionalität“ habe sie gerade „nicht professionell“ reagiert, gibt sich Christiane Motter als TV-Moderatorin zerknirscht. Durchmoderieren statt emotional Durchdrehen, wo man als Journalistin doch auch Betroffene des Terrors ist? Röggla seziert gnadenlos die Medienmaschinerie und ihre von Plattitüden durchsetzten Kommunikationsstrategien, die das öffentliche kollektive Gedächtnis formen und manipulieren. „Eine Schande sei das, nicht, worüber eine Nation bestürzt sei, sondern worüber sie nicht bestürzt sei“, heißt es.

 „The flags are flying“, „We are all united“, „We are all Americans!“ – Slogans wie diese hörte man 2001 nicht nur von Politikern, sondern auch von total betroffenen, übersolidarisierten Fernseh-Moderatoren in ihren Kommentaren zu den Bildern vom Anschlag auf das World Trade Center. Objektive Berichterstattung? Distanz? – Fehlanzeige.

Rögglas These: Mit 9/11 entstand der auf nichtssagenden Updates, Blitzumfragen und ärgerlichem Expertengeschwafel basierende Betroffenheitsjournalismus, der – letztendlich – einen Donald Trump als twitternden Talkmaster-Präsidenten erst möglich machte. „Trump hat sich in uns festgesetzt!“ heißt es jetzt verzweifelt im Indikativ. Dazu zwitschert es munter aus dem Off. Unangenehme Fragen werden von der so vielseitigen Christiane Motter im Glitzer-Showgirl-Kostüm weggesteppt. Und wenn es um Angela Merkel geht, stimmt der Presse-Chor einen meditativen mehrstimmigen Gesang an. „Europa liegt im Koma“, nur die Kriegsmaschine ist hellwach. Das alles ist bitter und brüllend komisch zugleich. Wir dümpeln von Terroranschlag zu Terroranschlag, Syrien „ist uns ganz nah“ – aber dann auch wieder nicht. Denn man hat ja hier in Europa seine eigenen Probleme.

Am Ende wirken die Medienvertreter hilflos, desillusioniert und erschöpft. Entsteht gerade ein neuer Countdown auf die nächste Katastrophe oder zählen wir sogar bereits wieder? Diese Frage stellt Kathrin Röggla. Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe. Da hilft nur – Kaffee trinken.

Weitere Termine: 31. Mai, 1./5./8./15. Juni. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.