Festival Perspectives: Julia Roberts und der Kapitalismus

Festival Perspectives : Julia Roberts und der Kapitalismus

Bei „Perspectives“ in Saarbrücken begeistert der live synchronisierte „Blockbuster“ des „Collectif Mensuel“.

Am Ende sind wir alle tot – zerbombt von Premierminister Tom Cruise. Nur Rauch wabert noch durchs Saarbrücker E-Werk, und ein leibhaftig brennender Mann ist schon hinter die Bühne geflüchtet. Es ist viel los in „Blockbuster“, einem famosen Stück des „Collectif Mensuel“ aus Belgien, das bei den „Perspectives“ am Freitag- und Samstag seine Premiere in Deutschland erlebte.

Auf der Bühne haben es sich drei Schauspieler und zwei Musiker bequem eingerichtet – mit Instrumenten, allerlei Geräten zum Geräuschemachen und ein paar Retro-Lampen, die sie offenbar ihren Großmüttern entwendet haben. Über ihnen hängt eine Leinwand im Breitwand-Format, auf dem der titelgebende „Blockbuster“ läuft: eine irrwitzige (und sehr gekonnte) Montage aus allerlei Hollywoodfilmen, die unabhängig von den jeweiligen Originalen eine komplett neue Geschichte erzählt, die sich in etwa so abspielt: Einem öligen Firmenchef (Michael Douglas) vergeht die Hochlöhner-Laune, als die Regierung die Steuer für Höchsteinkommen erhöhen will; zudem ist ihm und seinen fiskalischen Tricks eine Journalistin (Julia Roberts) auf der Spur; da kann nur ein minderbegabter Killer (Sylvester Stallone) helfen (oder auch nicht). Zwischendurch hat auch das Volk die buchstäbliche Nase voll – „Der Wohlfahrtsstaat ist am Ende“, deklamiert Sean Penn – und rebelliert. Der Premierminister verhängt das Kriegsrecht: Zuhause bleiben und konstant Fernsehen wird zur höchsten Bürgerpflicht. Aber reicht das, um ein Volk ruhig zu stellen, das vom Kapitalismus und Abgehängtwerden genug hat?

Hier wird wahrhaft keine lustige (oder gänzlich neue) Geschichte erzählt – aber nicht selten ist das Ganze, abseits der bitteren Momente, schreiend komisch. Einmal durch die kunstvolle Montage, die Szenen verschiedenster Filme manchmal bruchlos mit anderen verbindet und Schauspieler zusammenbringt, die noch nie gemeinsam einen Film gedreht haben (etwa eine Billard-Szene mit Cruise und Douglas). Vor allem aber durch ganz bewusste „Anschlussfehler“ und Aussetzer in der Kontinuität, die Filme üblicherweise zu vermeiden suchen. Die Frisuren etwa von Julia Roberts, Michael Douglas und vor allem Sean Penn ändern sich szenenweise, Schauspieler tragen innerhalb einer Sequenz plötzlich wechselnde Kleidung – und Stallone als tumber Killer beginnt den Film mit Kurzhaar und Anzug, Minuten später ist er langlockig und oben ohne. So wird der Abend auch zu einer herrlich unterhaltsamen Lehrstunde über die Kunst (und die Fallstricke) der Filmmontage.

Das Herzstück sind aber die Akteure unterhalb der Leinwand, die eine 80-minütige Höchstleistung vollbringen: Die Bilder über ihnen sind tonlos, und das Quintett (Sandrine Bergot, Quentin Halloy, Baptiste Isaia, Philippe Lecrenier und Renaud Riga) entwirft eine eigene akustische Welt – es untermalt mit Live-Musik (von Easy-Listening bis zu treibendem Rock), bastelt selbst die Geräusche zusammen (vom Sektausgießen bis zum Feuerprasseln), die drei Schauspieler sprechen auch noch die (neu geschriebenen) Dialoge der Stars lippensynchron (auf Französisch, man liest die deutsche Untertitelung mit).

Dabei geben sie dem Synchron-Affen Zucker und überziehen manchmal lustvoll: Meryl Streep bekommt ein Piepsstimmchen, Pierce Brosnan hingegen schnarrt wie ein Schäferhund, und Bruce Willis gurgelt ein zustimmendes „Ouaaaaaiiiiiiiis!“ so guttural, dass die Wände des E-Werks wackeln. Das tut die Gruppe dann noch einmal, nach dem ersten Applaus und nach den ersten Verbeugungen, denn der Kapitalismus rächt sich – er versteht eben deutlich weniger Spaß als diese grandiose Künstlertruppe.

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