1. Nachrichten
  2. Kultur

Jazz-Festival St- Wendel: Musik wie ein Wutanfall

Jazz-Festival St- Wendel : Musik wie ein Wutanfall

Die Internationalen St. Wendeler Jazztage überzeugen mit stilistischer Bandbreite und originellen Combos.

Die kürzeste Unterhaltung zwischen Franzosen und Saarländern? „Ça va?“ „ Ça muss!“ – diese bestechend pragmatische Antwort erhielt die Saxofonistin Céline Bonacina, als sie sich bei den 28. Internationalen St. Wendeler Jazztagen nach dem Befinden des Publikums erkundigte. Das Festival stand diesmal ganz im Zeichen von Blech- und Holzbläsern; ein Umstand, dem auch das grafische Motiv symbolisch Rechnung trug: Eine Schneckenmuschel firmierte als ältestes Blasinstrument der Welt. War‘s wirklich Zufall, dass die „Talking Horns“ am zweiten Festivaltag just eine solche Muschel bei sich hatten und spontan eine archaisch-fröhliche Improvisation unter dem Titel „Muschelkalk in St. Wendel“? aus dem „Trompetenärmel“ (so der Titel eines anderen Stücks) schüttelten? Egal: Die vier Scherzkekse, bestritten auch das Kinderkonzert am Sonntagmorgen (Konzept und Moderation: Claudia Runde).

Begonnen hatte das Festival, das diesmal wegen der Renovierung des Saalbaus von September auf Mai vorverlegt werden musste, mit einem beachtlichen Prolog im Kurhaus Harschberg: Das Quintett des jungen saarländischen Posaunisten Peter Hedrich stellte seine Debüt-CD vor und jazzte dabei mit keinem Geringeren als dem Posaunen-Altmeister Jiggs Wigham. Eine Woche später lief nun das dreitägige Kernfestival im Saalbau, und auch hier ließ das Niveau keine Wünsche offen. Frankreich lautete der zweite Schwerpunkt des Festivals, und so präsentierte sich der Auftakt am Freitag als „Soirée française“ und außerdem als „Ladies Night“: Céline Bonacina (Bariton, Sopran) und Nicole Johänntgen (Alt, Sopran) brachten geballte weibliche Saxofon-Power nach St. Wendel. Die saxy Ladies traten jeweils mit der Besetzung Klavier-Kontrabass-Schlagzeug an, was zum direkten Vergleich nicht nur der Saxofonstimmen, sondern auch der beiden Quartette einlud: Die gebürtige Fischbacherin und Wahlschweizerin Johänntgen verstärkte als Gast das Trio des Toulouser Pianisten Rémi Panossian, Bonacina brachte ihre eigene Combo mit. Beide Formationen jazzten wie aus einem Guss; die zwei Frontfrauen begeisterten gleichermaßen mit Improvisierlust, Virtuosität, Klangkultur, Temperament und extrovertiertem Zugriff – insbesondere bei Bonacina fragte man sich, wo ein so zierliches Persönchen die Luft herholt.

Die größere stilistische Bandbreite boten Johänntgen und das Rémi-Panossian-Trio, die mit Motiven von hohem Wiedererkennungswert einen Bogen vom tänzerischen Walzer bis zur stimulierenden Groove-Attacke spannten. Bonacina & Co. bewegten sich daneben in einem geschlosseneren Kosmos, teils gefälliger, teils sperriger – wild wurde es, wenn sich Bonacina Duelle mit Schlagzeuger Asaf Sirkis lieferte, der mit Rahmentrommeln einen speziellen Sound zauberte.

Groove pur und dazu jede Menge ansteckenden kindlichen Spielwitz servierten dann zum Auftakt des Samstags die Talking Horns. Das fidele Kölner Blasquartett, bei dem neben Jazz-üblichem Gebläse auch Tuba, Sousaphon und Entenfänger im Einsatz sind, reißt Genregrenzen nieder und integriert diverse Einflüsse von Schellack-Schlager bis Weltmusik. Ergebnis: eine ebenso meisterhafte wie unwiderstehlich ulkige Mélange, bei der sich homo- und polyphone Geflechte und mitreißende Soli über knackige Bassriffs türmen und gelegentlich anarchische Kakophonie ausbricht.

Das umjubelte Finale des zweiten Tages bestritt das international besetzte Quartett des norwegischen Shooting-Stars Marius Neset. Mit dem geschniegelten jungen Mann auf dem CD-Cover hatte der skandinavische Saxofonist live allerdings wenig gemein: Mit wirren Haaren und salopp gekleidet stakste Neset eher fahrig auf die Bühne; erst im Spiel schien er zu voller Konzentration zu finden, um sich dann total zu verausgaben. Wie soll man beschreiben, was hier passierte? Angekündigt war ein „musikalisches Flipperspiel“, und tatsächlich deckte der Auftritt ein Spektrum ab von Minimal Music bis zum freien Tumult, von traumschön introvertierten Balladen bis zu cholerischen Eruptionen – Musik wie ein Wutanfall. Tatsächlich einzigartig und unberechenbar, wie feste Muster für ausgedehnte Improvisationen aufgebrochen wurden. Unbestreitbar ist Neset, der hier Sopran- und Tenorsaxophon zum Schreien brachte, ein Berserker, der auch zarteste lyrische Töne beherrscht. Allerdings waren auch viel kalkulierte Klangbaderei und redundanter Leerlauf in diesem Virtuosendonner, dem Vibra- und Marimbaphonist Jim Hart besondere Farben und Pianist Ivo Neame zusätzliche Ecken und Kanten verpassten.