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Premiere in der Alten Feuerwache in Saarbrücken: Auferstanden aus dem Soldaten-Massengrab

Premiere in der Alten Feuerwache in Saarbrücken : Auferstanden aus dem Soldaten-Massengrab

Kritik am Heldengedenken: In der Saarbrücker Alten Feuerwache hatte „Das Wunder um Verdun“ am Samstag Premiere.

Ein Cello spielt elegisch, drei Schauspieler in schwarzen Anzügen treten an Notenständer und lesen aus Kriegstagebüchern. Der Auftakt des Abends nährt Skepsis. Brauchen wir das noch? Haben wir nicht genug von szenischen Anti-Kriegs-Lesungen, nach nunmehr vier Gedenkjahren zu 100 Jahre Erster Weltkrieg? Doch dann stoppt ein vierter Schauspieler in der Alten Feuerwache die Kollegen. „All das ist schon zehntausend Mal beschrieben worden, vielleicht sollten wir das lassen“, spricht er uns aus der Seele.

Was danach kommt an diesem samstäglichen Premierenabend des Staatstheaters ist ein kleines Wunder: Fast zwei kurzweilige Stunden folgt man gefesselt dem „Wunder um Verdun“. Immerhin ein Stück von 1930 und nach Aufführungen in Leipzig und im Ausland lange vergessen. Darin zieht der Autor, Hans Chlumberg (1897-1930), gepfeffert über den Soldatenfriedhofs-Tourismus und die Feiertagsreden zum Heldengedenken her und macht die Probe aufs Exempel: Würden die Weltkriegs-Nationen, die Staatslenker Frankreichs, Deutschland endlich begreifen, wie sinnlos Krieg ist, wenn die gefallenen Soldaten aus den Gräbern wieder auferstehen und leibhaftig mahnen? Chefdramaturg Horst Busch, der den Text von Chlumberg, der dem Naturalismus nahestand, ausgrub, hat ihn zusammen mit dem Zürcher Gastregisseur Gustav Rueb wohltuend gestrafft. Einige der 13 Bilder (Szenen) sogar gestrichen und durch eigene ersetzt. Sehr zum Vorteil. Nur neun Schauspieler übernehmen jeder jeweils drei Rollen.

Mit Chlumberg versetzt uns Rueb zunächst auf einen Soldatenfriedhof in den Argonnen bei Verdun, wo sich Bus-Touristen aus England, Amerika, Frankreich und dem Kaiserreich über die mickrige Zahl an Gräbern beschweren und über die Anzahl der Kriegsgefallenen in die Haare kriegen. Nurmehr wie pausierende Krieger erscheinen auch die französischen Staatschefs, die Chlumberg – er projiziert die Handlung ins 25. Kriegs-Jubiläumsjahr 1939 – nacheinander Gedenkreden halten lässt.

Sébastien Jacobi zündet sich als französischer Premier erstmal eine Kippe an, bevor er von „Siegfriedensdiktat“ spricht. Thomas Loeb als Reichskanzler dreht einfach nur Kranzschleifen um, um die passenden Nationalfarben hervorzukehren. Der Regisseur kitzelt den Sarkasmus der Redner beißend heraus, wie man es fast nur im Kabarett kennt. Er lässt die Schauspieler auf größtmögliche Distanz zu ihrer Rolle gehen. Dazu passt, dass man in einem schwarzen, fast nackten Bühnenraum (Florian Barth) spielt und nur mit wenigen prägnanten Requisiten wie Nelken und Erde. Nichts ist hier nur Dekor, alles wird in die Hand genommen und benutzt. Damit gelingen, auch dank des agilen präzisen Spiels der Akteure starke Gesamtbilder.

Nur ein wenig märchenhafter Zauber lässt uns das Wiederauferstehen Deutscher und Franzosen aus dem Massengrab hier sogar leicht glauben. Wie diese lehmverschmierten Elendsgestalten einen schaurigen (Un-)Totentanz hinlegen, ist für den Zuschauer sehr berührend. Doch für für die Konferenz der Staatsmächte? Da war Chlumberg zu sehr pessimistischer Realist. Wie sie zynisch argumentieren, ist ein Genuss und bedarf keiner Aktualisierung. Auch der Klerus kriegt sein Fett weg. Insgesamt eine starke Ensemble-Leistung von: Juliane Lang, Anne Rieckhof, Ali Berber, Sébastien Jacobi, Thorsten Loeb, Philipp Seidler, Gregor Trakis, Raimund Widra, Michael Wischniowski. Auch der Kinderchor glänzte mit einem beeindruckenden Auftritt.

Wieder am 29. Mai und 1. Juni.