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Philippe Lançon erzählt in "Der Fetzen" sein Überleben des Charlie Hebdo-Attentats

Neue Literatur : Die Notwendigkeit, alles zu akzeptieren

Philippe Lançon erzählt in „Der Fetzen“ vom Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und von seinem Weg zurück ins Leben.

Bei einem Terrorangriff im neuseeländischen Christchurch sterben 50 Menschen. Mitten hinein platzt die Veröffentlichung des neuen Buches von Philippe Lançon. Der französische Kulturkritiker überlebte am 5. Januar 2015 nur knapp den Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo. Der Unterkiefer wurde ihm weggeschossen. 17 Operationen musste er allein im Jahr danach über sich ergehen lassen, um aus seinem Wadenbein ein neues Kinn zu formen. In seinem autobiographischen Bericht „Der Fetzen“ erzählt der heute 56-Jährige von seinem Weg zurück ins Leben.

In Frankreich, wo „Le Lambeau“ 2018 erschien, wurde das Buch mit drei Literaturpreisen ausgezeichnet und stand wochenlang auf Platz eins der Bestsellerliste. Sicher ein Ausdruck der landesweiten Solidaritätsbekundungen im Zuge der „Je suis Charly“-Kampagne. In Deutschland wird „Der Fetzen“ eher nicht die Bestsellerlisten stürmen. Dafür ist das Buch viel zu gnadenlos. In einer akribischen Besessenheit schildert Lançon seinen Aufenthalt in der Gesichtschirurgie der Pariser Salpêtrière und später in der Rehabilitation im Hôtel des Invalides. Keine eiternde Wunde, keinen Darmeinlauf spart er aus. So viel aufrichtige Authentizität muss man als Leser erst mal aushalten über mehr als 500 Seiten. Für den Autor war das Therapie und Überlebenstrieb zugleich: „Schreiben ist das beste Mittel, um aus sich herauszutreten, selbst, wenn nur von einem selbst die Rede ist.“

Am Morgen des 5. Januar kauft sich Lançon noch voller Vorfreude ein Flugticket nach Princeton, wo er ein Semester lang Literatur unterrichten darf, und überlegt, ob er zur Redaktionskonferenz von Charlie Hebdo oder besser gleich zur Zeitung Libération gehen soll, wo er einen Artikel über die Aufführung von Shakespeares „Was ihr wollt“ am Vorabend schreiben will. Er trifft die falsche Entscheidung. Wenige Stunden später stürmen bewaffnete Islamisten die Charlie-Redaktionsräume und richten ein Blutbad an. Jedem Schuss folgt ein gellender „Allah Akbar“-Ruf. Zunächst begreift Lançon nicht, was passiert ist. „Ich fuhr mir mit der Zunge durch den Mund und spürte, dass überall einzelne Stücke von Zähnen schwammen.“ Schmerz verspürt er keinen. Erst als er sich im Display seines Handys sieht und eine Überlebende ihm sagt, er sei „entstellt“, beginnt er zu verstehen.

Das alles spielt sich auf den ersten 100 Seiten ab. Die übrigen 450 geben einen literarisch anspruchsvollen Einblick in die endlose Leidenszeit. „Es zu leben, hat mir genügt. Und trotzdem schreibe ich“, heißt es einmal. Und später: „Die „rasende Gewohnheit zu schreiben, nimmt sich ihr Recht.“ Über die Notwendigkeit, alles zu akzeptieren, schreibt Lançon. Und darüber, dass auf einmal jede öffentliche Stimme für ihn unter dem Verdacht von „Gleichgültigkeit und Eitelkeit“ stand und Wörter für ihn nur noch im „intimsten, konkretesten Bereich Bestand“ hatten. Als sich auf den Straßen Tausende versammeln und „Je suis Charlie!“ rufen, sieht er das mit Befremden, ist das Attentat für ihn doch etwas „Intimes“.

Während des Genesungsprozesses begleiten ihn die Bücher von Marcel Proust, Thomas Mann und Franz Kafka. Und ein wenig erinnern Philippe Lançons feinsinnige Reflexionen im Sprachstil auch an die „Suche nach der verlorenen Zeit“. Mit dem geschulten Sensorium des Kulturkritikers beobachtet er sich und seine Umwelt. Erzählt von der Schuld, seinen Eltern am Ende ihres Lebens diese Prüfung zumuten zu müssen. Oder wie seine Chirurgin Chloé zum wichtigsten Menschen in seinem Leben wird. Den verzweifelten Optimismus seiner Partnerin Gabriela erträgt er nicht mehr. Und als der Tag da ist, das Krankenhaus zu verlassen, hat er unsagbare Angst. Als sein Bruder wettert, dass die Polizei die Attentäter endlich abgeknallt habe, ist Lançon erschüttert, der am liebsten jede Gewalt aus seinem Leben verbannen will. Sein Buch ist so auch ein eindringliches Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben.

Philippe Lançon: Der Fetzen. A.d. Frz. v. Nicola Denis, Tropen. 552 Seiten, 25 €.