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Gisèle Viennes Tanzstück "Crowd" huldigt im Forbacher Carreau Rave-Partys

Tanz : Lasst uns mal die Raver sezieren

Gisèle Viennes Tanzstück „Crowd“ im Forbacher Carreau feiert die Techno-Partys der 90er.

Braune Erde bedeckt den Bühnenboden des Nationaltheaters Le Carreau. Leere Getränkedosen, halbvolle Bier-Plastikbecher liegen bereits eingangs verstreut darauf herum, so als wäre die Party schon längst gelaufen. Den Technopartys der wilden 90er widmet Gisèle Vienne ihr Stück „Crowd“. In Hochburgen wie Berlin, wo die östereichisch-französische Choreografin und Regisseurin damals lebte, tanzte man damals bevorzugt in verlassenen Industrieanlagen oder gar Tunneln rauschhaft ganze Nächte durch.

Vienne ließ ihren Musiker Peter Rehberg am Donnerstagabend die bedeutendsten Alben jener Zeit, von Underground Resistance bis zur Detroiter Szene, noch mal auflegen. Doch nicht aus Sentimentalität. Es ist kein Nachinszenieren dieser Raves, was Vienne hier unternimmt mit ihren 15 blutjungen Tänzerinnen und Tänzern, die in zeittypischer Szenkleidung langsam hereinschleichen. Eher ist es ein Sezieren. Mit dem kühlen Blick der Forscherin nimmt sie das Treiben der Menge auseinander, um freizulegen, was die Raver im Innersten zusammenhält oder auch trennt, welche Rituale sie pflegen. Das gelingt ihr mit erstaunlichen Mitteln. Während die Technobeats, mal nervös pulsierend, mal hypnotisch-trancehaft, im Normaltempo zu hören sind, lässt sie ihre Compagnie sich durchweg in Zeitlupe, in slow motion, bewegen. Manchmal tanzen die 15 auch ruckartig, als wären sie von Stromimpulsen angetrieben.

Was für eine enorme tänzerische Leistung, sich mit maximalem Ausdruck so zu bremsen! Mitunter frieren fast alle ein zu lebenden Bildern und Skulpturen, während einzelne wie Außenseiter hindurchgehen. Der Zuschauer hat so Zeit, all die kleinen Minidramen, die sich in und zwischen den Tanzenden abspielen, wie unter einem Brennglas vergrößert zu verfolgen. Sie recken die Arme, als gehöre ihnen der Himmel, sprühen mit Cola-Fontänen, suhlen sich im Dreck, fallen einander begehrend um den Hals, um sich gleich wieder einem anderen zuzuwenden. Mal strahlen sie, wie gepusht von Pillen und Alkohol, vor Glück, um dann wieder stumpf ins Leere zu gucken. Auf der Suche nach dem gemeinsamen Erlebnis bleibt doch jeder hier für sich. Durch die Trennung von Ton- und Bildspur in diesem „Film“ vermögen sich die Gefühle der Raver nicht wirklich auf den Zuschauer zu übertragen. So betrachtet man das mit 100 Minuten vielleicht etwas zu lange Spektakel mit Faszination und doch auch mit leichter Befremdung. Wie ein Außerirdischer, der sagen würde: Ist schon seltsam, wie die Menschen sich vergnügen.