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Im Fall Mannichl schießen die Gerüchte ins Kraut

Passau. Wer steckt hinter dem Mordanschlag auf Passaus Polizeichef Alois Mannichl? Als der 52-Jährige vor einem Monat vor seinem Reihenhaus in Fürstenzell niedergestochen wurde, schien die Frage schnell beantwortet. Es wurde ein Neonazi hinter der Bluttat vermutet. Inzwischen mehren sich die Zweifel Von dpa-Mitarbeiter Ulf Vogler

Passau. Wer steckt hinter dem Mordanschlag auf Passaus Polizeichef Alois Mannichl? Als der 52-Jährige vor einem Monat vor seinem Reihenhaus in Fürstenzell niedergestochen wurde, schien die Frage schnell beantwortet. Es wurde ein Neonazi hinter der Bluttat vermutet. Inzwischen mehren sich die Zweifel. Mehr oder weniger offen wird spekuliert, ob der Polizeidirektor Opfer eines Familiendramas wurde und seine Kollegen auf die falsche Fährte führte.Obwohl eine 50-köpfige Sonderkommission nach dem flüchtigen Täter und Komplizen fahndet - eine konkrete Spur gibt es auch nach vier Wochen nicht, insbesondere keinen Beweis für einen Racheakt aus der rechten Szene. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz räumt jetzt ein, es lägen keine Erkenntnisse über eine rechtsextreme Tat vor. Mannichl selbst geht zur Gegenwehr über. Obwohl er sich als Ermittlungsprofi, Hauptbetroffener und wichtigster Zeuge des Kriminalfalls bei laufenden Untersuchungen eigentlich heraushalten sollte, gibt der Polizeichef fleißig Interviews: "Ich bin wütend", sagte er seiner Heimatzeitung "Passauer Neue Presse". Die Gerüchte über einen familiären Hintergrund seien "Quatsch". Doch letztlich kann auch Mannichl die mysteriösen Begleitumstände nicht wegdiskutieren. Zum Beispiel, dass er mit einem Küchenmesser aus seinem Haushalt niedergestochen wurde. Es soll bei einer adventlichen Nachbarschaftsaktion zum Schneiden von Lebkuchen benutzt und dann auf einem Fenstersims vergessen worden sein. Diese Version findet selbst der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walch "merkwürdig". Niemand kann erklären, warum der Attentäter keine eigene Waffe mitbrachte.Auch die Soko ist mitverantwortlich dafür, dass es viele Fragen, aber kaum Antworten gibt: In den ersten beiden Wochen liefen die Ermittlungen unter teils chaotischen Umständen ab. Immer wieder gelangten interne Informationen an die Medien. Auch war bei der Fahndung keine klare Linie zu erkennen. Zuerst wurden die Gesuchten als Skinheads beschrieben - groß, glatzköpfig, dazu gab es Bilder von auffälligen Tätowierungen. Dann wurden Phantomzeichnungen von einer Frau mit langen Haaren und einem Mann mit Irokesenkamm veröffentlicht - einer Frisur, die traditionell die eher links eingeordneten Punker tragen. Seit das bayerische Landeskriminalamt zum Jahreswechsel die Ermittlungen übernahm, werden nicht mehr ständig neue Details mitgeteilt. Allerdings blamierten die Fahnder ihre Kollegen von der Passauer Kripo erst einmal, als sie alle Zigarettenkippen in der Nähe von Mannichls Haus einsammeln ließen - drei Wochen nach der Tat. In jedem Fall stehen die Fahnder unter großem politischen Druck, schließlich dient der Anschlag auch als Aufhänger für die erneute Diskussion um ein NPD-Verbot. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erkannte schon am Tag nach dem Angriff eine neue Qualität rechter Verbrechen: "Das ist eine Eskalation der Gewalt." Auch der Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz sah "ein Fanal mit überörtlicher Bedeutung". Dagegen hegte ein Passauer Polizist früh Zweifel. "Und was, wenn es doch kein Rechter war?", fragte er nach wenigen Tagen. Schließlich sind bei einem Beamten, der wie Mannichl seit 35 Jahren im Polizeidienst ist, viele Motive denkbar. So könnte es sich auch um die Vergeltungsaktion eines Kriminellen handeln. Der Täter könnte dabei ausgenutzt haben, dass Mannichl seit langem ein Feindbild der Neonazis war, um eine falsche Spur zu legen.