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Wettbewerb statt Milchsee und Butterberg

Saarbrücken. Morgen endet nach 31 Jahren die europäische Milchquote mit festgelegten Produktionsmengen für die Mitgliedsländer. Ab dann herrscht wieder ein freier Wettbewerb. Die saarländischen Landwirte bleiben gelassen und erwarten weder Milchseen noch Butterberge. Thomas Sponticcia

"Wie werde ich bloß satt?" Diese Frage trieb in der Nachkriegszeit noch viele Menschen um. Überfluss und eine große Auswahl an Lebensmitteln, wie man es heute kennt, waren noch unbekannt. Um die Versorgung zu verbessern, schalteten sich auch der deutsche Staat und die Europäische Gemeinschaft ein. Es gab Zuschüsse, etwa für den Bau größerer Ställe, um dadurch die Erzeugung von Milch in die Höhe zu treiben. Das Angebot wuchs stark an.

Doch die Mehrproduktion wandelte sich bald in eine Überproduktion. Um den Preisverfall zu stoppen und das Einkommen der Landwirte zu sichern, wurden Vorräte angelegt. Und die wuchsen und wuchsen. Man sprach von "Milchseen" und "Butterbergen". Diese Schlagworte wurden zum Inbegriff einer in die Irre laufenden Agrarförderung.

Ende der 70er Jahre vollzog die Politik daher einen Kurswechsel. Das Ergebnis war die Einführung einer festen jährlichen Milchquote mit Mengenvorgaben für die Produzenten, eingeführt am 1. April 1984. Für nicht wenige Landwirte bedeutete dies, dass sie längst nicht so viel Milch wie zuvor erzeugen durften. Wer mehr lieferte, musste Strafen zahlen. Im Gegenzug sollte das System die Abnahmepreise stabilisieren. Die deutschen Landwirte haben sich nach Angaben des saarländischen Bauernverbandes relativ schnell mit dieser Regelung arrangiert.

Doch Hans Lauer, Hauptgeschäftsführer des saarländischen Bauernverbandes, ist auch nicht traurig über das Ende der Milchquote morgen, am 1. April - nach 31 Jahren. Milchseen oder gar Butterberge drohten unter den heutigen Marktverhältnissen ohnehin nicht mehr. Mittlerweile bestimme fast ausschließlich der Markt, welche Preise ein Landwirt für seine Produkte erzielen kann. Unterstützende Maßnahmen des Staates, wie etwa der Ankauf von lagerfähigen Milchprodukten zu Produktionskosten beim Landwirt, um sie eine bestimmte Zeit einzulagern und bei Bedarf später wieder dem Markt zur Verfügung zu stellen, fänden kaum noch statt. Wenn überhaupt, dann zu Preisen, die weit unter den Produktionskosten liegen.

Zudem lässt Lauer durchblicken, dass es die Mitgliedstaaten der EU bis heute ohnehin nie wirklich geschafft hätten, die ursprünglichen Vorgaben der Milchquote zu erfüllen. Es sei zwar den deutschen Landwirten stets gelungen, die Quote jährlich voll auszuschöpfen, den französischen Nachbarn aber schon nicht mehr. Das Ziel, die Einkommen der Bauern zu stabilisieren, sei ebenfalls verfehlt worden. Die Preise für Rohmilch hätten in den vergangenen 30 Jahren trotz Quote um bis zu 20 Cent je Kilo geschwankt.

Der Plan der Politik, mit der Einführung der Milchquote auch den Strukturwandel in der Landwirtschaft zu bremsen, sei ebenfalls misslungen. "1984 hatten wir an der Saar 1024 Milcherzeuger, die insgesamt 90 Millionen Kilogramm Milch produzierten. Heute produzieren noch 180 Milcherzeuger die gleiche Menge." Lauer glaubt, dass der Strukturwandel noch lange nicht abgeschlossen ist. Überleben werde derjenige Landwirt, der besonders leistungsfähig ist, in großen Mengen produzieren kann, in modernste Technik investiert und den Betrieb vergrößert. Dennoch hätten Landwirte im Saarland generell eine Zukunft, wenn sie ihren Neigungen nachgingen und für neue Trends offen seien. Heute seien regionale Produkte gefragt. Eine Möglichkeit, erfolgreich zu bleiben, bestehe darin, die Direktvermarktung auszubauen.



Meinung:

Auf Wettbewerb vorbereitet

Von SZ-RedakteurThomas Sponticcia

Das Ende der Milchquote wird den Saar-Landwirten kaum Probleme bereiten. Sie sind auf den freien Wettbewerb vorbereitet, beliefern Molkereien und zeigen mit ihren Produkten sowohl beim Lebensmittelhändler um die Ecke als auch beim bundesweit tätigen Discounter Präsenz. Pfiffige Bauern mit neuen Ideen haben auch künftig gute Chancen, erfolgreich zu sein. Saar-Landwirte sollten den Trend zu regionalen Produkten noch energischer nutzen, ihre Direktvermarktung ausbauen. Über die Vielseitigkeit und Frische ihrer Produkte sollten sie mehr in Schulen berichten dürfen. Viele Stadtkinder wissen nicht, was ein Bauer produziert. Deshalb sollten Landwirte ihre Höfe auch öfter für Besucher öffnen.

Zum Thema:

HintergrundDie Milcherzeugung in Deutschland ist 2014 auf 32 Millionen Tonnen gestiegen. Das waren laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung eine Million Tonnen mehr als 2013. Im Saarland wurden 100 000 Tonnen produziert. Pro Kopf konsumierten die Bundesbürger zuletzt 83 Kilo Frischmilcherzeugnisse im Jahr. Dazu gehören nach Daten des Bundesagrarministeriums auch Buttermilch , Joghurt und Kefir. 1990 waren es noch über 91 Kilogramm. Bei Käse stieg der Verbrauch von 17,3 Kilo auf 24 Kilo. Der Butterkonsum liegt bei jährlich rund sechs Kilo. dpa/red