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Zukunftstechnologie made in Saarbrücken
Wie Wärme wiederverwertet werden kann

Die Firmengründer Martin Schichtel und Susanne König mit einem Modell des von ihnen entwickelten Wärmespeichers (Mitte).
Die Firmengründer Martin Schichtel und Susanne König mit einem Modell des von ihnen entwickelten Wärmespeichers (Mitte). FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Ein junges Unternehmen arbeitet an der Saar-Uni an einem Verfahren, mit dem sich Abwärme speichern und so erneut nutzen lässt. Von David Seel

In Zeiten von Klimawandel und wachsender Rohstoffknappheit ist das Thema Energieeffizienz im Laufe der vergangenen Jahre wieder vermehrt ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Dabei kristallisiert sich immer deutlicher heraus, wie wichtig ein sparsamer und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen für die Zukunft der Menschheit ist – und dass dieses Ziel derzeit noch in weiter Ferne liegt.


Am Starterzentrum auf dem Campus der Saar-Uni (Infokasten) nimmt sich ein junges Unternehmen seit einigen Jahren dieses existentiellen Problems an. Die Mitarbeiter des Startups Nebuma beschäftigen sich mit der Frage, wie sich überschüssige Wärmeenergie effektiv speichern und später wieder nutzen lässt. Denn wo Strom erzeugt oder verbraucht wird – ob in Kraftwerken, Industrie oder Privathaushalten – geht immer ein erheblicher Teil der kostbaren Energie als Abwärme für immer verloren.

Um diese nutzbar zu machen, entwickelt Nebuma sogenannte Wärmespeicher, die die Energie aufnehmen und bei Bedarf beispielsweise in Form von elektrischem Strom wieder abgeben können. Die Speicher will das Unternehmen künftig an Kunden rund um den Globus liefern. Als Wärmeträger dienen laut Martin Schichtel, einem der beiden Gründer des Unternehmens, glas- oder keramikartige Materialen, die meist aus Abfallprodukten der Industrie wie Schlacken oder Abraum gewonnen werden. „Ob die Schlacke dabei von der Dillinger Hütte oder einem Werk in Brasilien kommt, ist letztlich egal“, erklärt Schichtel. Das Besondere an den Produkten der saarländischen Firma sei, dass sie auch bei den hohen Temperaturen funktionierten, die beispielsweise in der Industrie häufig benötigt würden.



„Zum ersten Mal kam mir die Idee, als ich einen Bericht über Solarkraftwerke im Fernsehen gesehen habe“, sagt Schichtel. Dort seien Wärmespeicher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gezeigt worden. „Bei Solarthermiekraftwerken wird am Tag überschüssige Sonnenenergie gespeichert und dann über Nacht abgegeben“, erklärt Schichtel. Die vorgestellten DLR-Anlagen hätten aber nur bei Temperaturen bis 550 Grad Celsius arbeiten können. „Dadurch war mein Interesse geweckt. Ich habe mich gefragt, warum das Verfahren nicht auch bei höheren Temperaturen funktionieren sollte“, erinnert sich Schichtel.

„Im Gespräch mit dem DLR ist mir dann klar geworden, wo das Problem lag, nämlich in den verwendeten Speichermaterialien“, so der Firmengründer. Bei der anschließenden Suche nach besser geeigneten Wärmeträgern kam dem 49-Jährigen sein akademischer Hintergrund zugute – Schichtel studierte zunächst Chemie an der Saar-Uni und promovierte anschließend am hiesigen Institut für Materialwissenschaften. „Ich habe die Hochtemperatur-Wärmespeicher zunächst eher als wissenschaftliche Herausforderung gesehen“, sagt er.

Die Idee, aus diesem theoretischen Gedankenspiel ein eigenes Unternehmen zu machen, sei dann 2011 herangereift. „Damals wurde überall von der Energiewende gesprochen, das hat mich ins Grübeln gebracht“, sagt Schichtel. Den Businessplan erstellte er gemeinsam mit Ehefrau und Firmenmitgründerin Susanne König, die sich seitdem vorrangig den kaufmännischen Aspekten bei Nebuma widmet. „Als ich mir das Projekt angesehen habe, war gleich klar, dass das zu meinem Know-how passt“, so die 48-Jährige. Den Grundstein dafür legte auch sie an der Saar-Uni: „Ich habe hier Betriebswirtschaftslehre studiert und meine Doktorarbeit im Anschluss am damaligen Bankenlehrstuhl gemacht“, sagt König.

„Nachdem der Rahmen gesetzt war, haben wir uns dann ans Starterzentrum gewandt“, erinnert sich die promovierte Betriebswirtin. Dieses habe dann die Labore und sonstigen Räumlichkeiten gestellt. „Wir mussten nur Chemikalien und Geräte besorgen“, ergänzt Martin Schichtel. Daneben hätten die beiden Firmengründer über das Starterzentrum wichtige Kontakte zu Experten auf dem Campus knüpfen können. „Wenn wir mal ein besonderes Messgerät oder Ähnliches benötigen, vermittelt man uns dort ebenfalls weiter“, so der Materialwissenschaftler. Auch die Kurse, die das Starterzentrum für Firmengründer zur Verfügung stellt, seien oft hilfreich gewesen: „Besonders das Verkaufs-Coaching hat mich persönlich weitergebracht“, so Susanne König.

Denn der Kontakt zum Kunden sei momentan eine der größten Herausforderungen des jungen Unternehmens. „Der Aufbau von Netzwerken und die Suche nach Partnern, die Zeit und Geld investieren wollen, ist fast zum wichtigsten Aspekt geworden“, sagt König. „Wir erklären potenziellen Kunden immer zuerst, was sie mit unserer Technologie alles anfangen können“, erklärt Martin Schichtel. Bei Wärmespeichern würden die meisten Unternehmen zunächst nur an Warm- und Brauchwasser denken, nicht an die Rückgewinnung von Strom oder Prozesswärme. „Wir sagen dann: ‚Ihr habt hier 900 Grad Abwärme, da geht viel mehr als das‘“, so der Materialwissenschaftler. „Das muss man dann meist erstmal sacken lassen“, ergänzt er lachend.

Der Standort im Saarland bietet laut den beiden Firmengründern für das junge Unternehmen Vor- und Nachteile: „Hier gibt es natürlich – beispielsweise in der Stahlindustrie – viele Betriebe, die mit hohen Temperaturen arbeiten“, sagt Susanne König. Auf der anderen Seite lasse die Unterstützung vonseiten der Politik im Saarland zu wünschen übrig. „In anderen Bundesländern werden energieeffiziente Projekte wie unseres von staatlichen Stellen gefördert und Aufträge für öffentliche Gebäude vergeben, so etwas passiert hier gar nicht“, klagt König.

In die Zukunft ihres Unternehmens, das mittlerweile fünf Mitarbeiter beschäftigt und kürzlich von der Initiative Compamedia mit dem renommierten Titel „Innovator des Jahres“ ausgezeichnet wurde, blicken die beiden dennoch rundum positiv. „In Zeiten steigender Energiekosten wird es in Zukunft immer mehr Firmen geben, für die Wärmespeicher interessant sind“, so die Einschätzung von Martin Schichtel. „Wir haben mittlerweile eine Grenze überschritten, ab der unsere Produkte nicht nur umweltfreundlicher, sondern ab einer gewissen Größe auch deutlich günstiger sind als etwa Akkus“, sagt der Materialwissenschaftler. Neben der Verfeinerung des verwendeten Wärmeträger-Materials arbeite man außerdem an Lösungen, die die Technologie auch für Privathaushalte und kleinere Betriebe attraktiver machen solle.

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