Studierende kommen mit zu wenigen Mathe-Kenntnissen an die Uni

Vorkurse an der Saar-Uni : Mathematik ist ein Stolperstein im Studium

Viele Erstsemester kommen mit unzureichenden Kenntnissen aus der Schule an die Uni. Vorkurse sollen diese Lücke schließen.

„Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht. Das gilt insbesondere für die Fächer, in denen Mathematik die Grundlage ist.“ Das ist das Urteil von Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Auch die Politik hat das Problem erkannt. Mitte September haben die CDU- und SPD-Fraktionen im saarländischen Landtag einen gemeinsamen Antrag gestellt, in dem sie die Landesregierung auffordern, die Ausbildung in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zu stärken. Eine größere Zahl von Absolventen dieser Fächer sei unabdingbar, um die „führende Rolle als Industrie- und Hochtechnologiestandort“ Deutschlands nicht zu gefährden. Obwohl in Deutschland viele junge Leute MINT-Fächer belegten, gebe es zu wenige Absolventen, da die Abbruchquote in den Studiengängen sehr hoch sei. Laut Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) liegt diese bei 41 Prozent.

Der Experimentalphysiker Thomas John kennt zumindest einen der Gründe dafür. Er leitet an der Saar-Universität zusammen mit Steffen Recktenwald einen der Mathematik-Vorkurse für die Erstsemester. „Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Abiturienten laut Lehrplan können müssten und dem, was sie tatsächlich an Kenntnissen mitbringen“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Professor Christian Wagner.

Die Universität des Saarlandes versucht wie viele andere Hochschulen in ganz Deutschland mit Vorkursen für Studienanfänger späteren Schwierigkeiten vorzubeugen.

Der Kurs „Rechnen für Naturwissenschaft und Technik“, den Recktenwald und John betreuen, richtet sich an Biophysiker, Studierende von Systems und Quantum Engineering, von Physik und Technik. „Im Kurs werden vor allem mathematische Grundkenntnisse aufgefrischt, um eine Basis für das Studium zu schaffen“, erklärt John. Einige hätten schon Probleme mit Bruchrechnungen und Gleichungsumformungen und würden oft genug raten statt rechnen. So stehen auf dem Lehrplan des jährlichen Vorkurses tatsächlich auch die Grundrechenarten, Bruchrechnen sowie elementare Geometrie. Hauptorganisator des Kurses Steffen Recktenwald sagt: „Manche hatten in der Schule Mathematik im Leistungskurs, andere belegten nur den Grundkurs, alleine deshalb sind sie auf einem ganz unterschiedlichen Wissensstand.“ Der Kurs diene vorwiegend dazu, bestehendes Wissen zu festigen, aber für einige kämen auch ganz neue Inhalte hinzu, erklärt Recktenwald weiter. John ergänzt: „Die Kurse gibt es schon seit vielen Jahren und die Anforderungen an die Studierenden wachsen ständig. Wenn sie durch den Vorkurs soweit fit sind, dass sie nicht bei jeder Aufgabe über die elementarsten Dinge nachdenken müssen, finden sie später leichter den Anschluss an den aktuellen Stoff“, sagt John.

Der mehrwöchige Kurs vor dem Semesterbeginn war in diesem Jahr gut besucht und das obwohl es dafür keine Punkte gibt, die im späteren Studium angerechnet werden könnten, betont John. Regelmäßig kamen etwa 70 Studierende zur freiwilligen Vorbereitung. John und Recktenwald hielten die täglichen Vorlesungen, auf die aufbauend die Teilnehmer mittags zunächst in einer Selbstlernphase Arbeitsblätter bearbeiteten. Sie wurden dabei von Studierenden aus den höheren Semestern betreut. Einer davon ist Felix Maurer, der nachmittags mit der Gruppe die Ergebnisse besprochen hat und für Fragen da war. Der Masterstudent hat selbst vor seinem Studienbeginn den Kurs besucht und sagt: „Ich habe viele Leute gesehen, die mit mir den Kurs belegt haben und später im Studium erfolgreich waren.“ Es gebe viele Schüler, die Teile dessen, was im Vorkurs vermittelt werde, in der Schule nie gelernt hätten.

Nicht immer sind die Vorkurse dazu da, die Versäumnisse der Schulen und Studierenden auszugleichen. „Für unseren Kurs spielen die Vorkenntnisse der Teilnehmer keine so große Rolle, da wir hauptsächlich spezifisches Wissen vermitteln, das in der Informatik gebraucht wird“, erklärt Jan Menz, einer der Dozenten im Mathe-Vorkurs für Informatiker, Computerlinguisten und Studierende von Cybersicherheit und Embedded Systems. Themen dieses Vorkurses sind etwa das richtige Führen von Beweisen sowie Logik und formale Sprachen. Mit dem Schulstoff habe das herzlich wenig zu tun, erklärt Menz.

Ganze 250 Anmeldungen gab es für den diesjährigen Kurs, so Menz. Ein Team von 50 freiwilligen Helfern sorgte dafür, dass die künftigen Studierenden gut betreut werden konnten. „Bis auf unsere acht Tutoren, die als wissenschaftliche Hilfskräfte eingestellt sind und auch bezahlt werden, machen das alle ehrenamtlich“, erklärt Menz, der Doktorand am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken ist.

Auch der Mathe-Vorkurs für die Informatiker ist so organisiert, dass während der vier Wochen Laufzeit morgens in einer Vorlesung neuer Stoff behandelt wird und sich daran eine Selbstlernphase anschließt, bei der sogenannte Coaches – einer davon ist auch Menz – die Studierenden unterstützen. Am Nachmittag werde der Stoff dann in Tutorien eingeübt, die Teilnehmer diskutierten hier ihre Ergebnisse und offen gebliebene Fragen.

Menz und John sagen, dass die Kurse nicht nur zur Vorbereitung dienen, sondern sich die Studierenden hier auch kennenlernen könnten. „Das ist später von Vorteil, so können sie sich gegenseitig auch im Studium unterstützen“, erklärt John. Gemeinsame Unternehmungen wie etwa Grillabende gehörten daher auch zum Programm.

Mehr von Saarbrücker Zeitung