Boxer Ünsal Arik spricht in Saarbrücken über den türkischen Präsidenten Erdogan

Ünsal Arik in Saarbrücken : Ein harter Kampf für mehr Menschlichkeit

Vom Obdachlosen zum Box-Profi und Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Erdogan: Ünsal Arik erzählt in Saarbrücken von seiner beeindruckenden Lebensgeschichte und seinem leidenschaftlichen Kampf für Demokratie.

Freitagabends stand Ünsal Arik wieder im Ring: In Bergisch-Gladbach ging es für den Deutsch-Türken im Mittelgewicht im Duell mit dem Weißrussen Siarhej Huliakevich um den Asien-Titel des Box-Verbands WBC. Ein wichtiger Kampf für den im bayerischen Parsberg geborenen Wahl-Berliner. „Wenn ich verliere, ist meine Karriere wohl vorbei“, sagte der 39-Jährige im Vorfeld.

Den ideellen Kampf, den Arik abseits des Box-Vierecks führt, wird er unabhängig vom Ausgang fortsetzen – fortsetzen müssen. Weil er in der Vergangenheit massive Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geäußert hat, sieht sich Arik mit heftigen Anfeindungen seitens in Deutschland lebender Erdogan-Anhänger konfrontiert. Seit er das Staatsoberhaupt unter anderem öffentlich einen Diktator genannt hat, ist er für viele Landsleute zum Feindbild geworden, einhergehend mit Hass-Tiraden bis hin zu Morddrohungen. Erdogan persönlich hat ihn gar angezeigt – wegen versuchten Mordes, weil sich Arik in einem Rap-Song despektierlich geäußert und im zugehörigen Video eine Pappfigur des Präsidenten umgehauen hatte.

Der Box-Profi war vor seinem Kampf noch in Saarbrücken zu Besuch. Im Rahmen des an drei Saarbrücker Bildungseinrichtungen laufenden Projekts „team4winners Saar“, das von den Lions-Clubs Heusweiler, Saarbrücken und Saarbrücken-Halberg gegründet wurde und die integrative Kraft des Sports betont, stand Arik Schülern der Gemeinschaftsschule Bruchwiese Rede und Antwort – und trainierte mit ihnen. In der Schule gibt es seit Jahresbeginn eine Box-AG.

„Ich bin hochzufrieden mit der Veranstaltung. Ich fand die Schülerfragen sehr spannend und authentisch. Ünsal Arik versteht es, die Sprache der Schüler zu sprechen. Dadurch ist die Distanz nicht mehr so gegeben, und die Fragen werden tiefgründiger“, sagte Schulleiterin Pia Götten. Arik erzählte den Schülern, dass er erst mit 27 Jahren zum Boxen kam. Ein Foto von Box-Legende Muhammad Ali habe ihn damals inspiriert, nachdem er zuvor in Berlin länger obdachlos gewesen war. Er sei nie ein guter Schüler gewesen, habe die Schule sogar gehasst, verrät Arik.

Dem Sport war er immer zugetan. Als Jugendlicher spielte er Fußball für seinen Lieblingsclub Fenerbahçe Istanbul. Ein Waden- und Schienbeinbruch zerstörte den Profi-Traum. Er fiel in ein tiefes Loch. „Ich habe damals nicht die richtigen Entscheidungen getroffen“, ist Arik nicht stolz auf seine Vergangenheit. Doch sie habe ihn stärker gemacht. „Wenn du unter der Brücke haust und nix zu essen hast, siehst du vieles mit anderen Augen. Dir wird auch klar, dass nur du selbst dir helfen kannst.“ Dazu gehöre ein Stückweit Eigensinn. Er trenne sich „von allem, was mich negativ beeinflusst“.

Die Anfeindungen der Erdogan-Anhänger wird er wohl nicht so leicht los. Dass das an ihm nagt, räumt er ein. Dennoch schreckt Arik nicht zurück, Erdogans Politik als einer von wenigen türkischstämmigen Deutschen offen zu kritisieren. „Ich bin einerseits stolzer Türke, andererseits liebe ich Deutschland, weil ich hier geboren bin und mir das Land viel ermöglicht hat – das Wichtigste bei allem ist aber: Du kommst als Mensch zur Welt“, gibt er den Schülern als Botschaft mit auf den Weg. Unter Erdogan leide die Menschlichkeit schwer. Dass die meisten Deutsch-Türken regelrecht Angst hätten, sich negativ zu ihm zu äußern, dürfe in einem Land wie Deutschland eigentlich nicht sein.

Arik tadelt die Bundesregierung für zu laschen Umgang mit Erdogan. Dieser komme nicht nur damit durch, seine Macht innerstaatlich mit unlauteren Methoden – etwa willkürliche Verhaftungen von Regime-Gegnern und Journalisten – zu zementieren. Sondern auch mit seiner Hetze gegen Europa und die westliche Welt sowie den Erpressungspraktiken in Bezug auf die europäische Flüchtlingspolitik.

In der Türkei werde die Demokratie Stück für Stück abgeschafft, findet Box-Profi Arik. Wie rasch das tatsächlich passieren kann, sollte gerade in Deutschland bekannt sein. Umso wichtiger sind Menschen wie er, die trotz aller Widerstände öffentlich gegen Missstände vorgehen. Dazu braucht es Mut und Beharrlichkeit, wie Arik sie als 30-Jähriger auch nach dem ersten Box-Kampf gezeigt hat: „Ich ging nach vier Sekunden K.o. – stand aber am selben Tag wieder in der Halle. Ich sagte mir damals: Das passiert dir nicht nochmal.“ Unrecht werde es wohl immer geben – es dürfe nur niemals passieren, dass der Kampf dagegen aufhört.

Aufhören, im Ring zu kämpfen, muss Arik auch nicht. Denn den Kampf gegen den Weißrussen Huliakevich um den Asien-Titel hat er gewonnen – und seine Karriere wird weitergehen. Es war sein 30. Sieg im 32. Profi-Kampf.

Box-Profi und politisch engagiert: Ünsal Arik. Foto: Rich Serra

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