„Frau Musica rief und alle kamen”

Wadgassen · Eine Doktorarbeit beleuchtet die Geschichte der Blasmusik im Kreis Saarlouis. Noch nie wurde sie so genau untersucht.

 Voll besetzt war der Saal in der „Alten Abtei“: Björn Jakobs präsentiert sein Buch über die Geschichte der Blasmusik im Kreis Saarlouis. Fotos: Rolf Ruppenthal

Voll besetzt war der Saal in der „Alten Abtei“: Björn Jakobs präsentiert sein Buch über die Geschichte der Blasmusik im Kreis Saarlouis. Fotos: Rolf Ruppenthal

Das muss dem Kreis Saarlouis erstmal einer nachmachen: In 35 Orchestern spielen rund 2000 Musikerinnen und Musiker, Jugendensembles inklusive. Wie die ebenfalls zahlreichen Chöre sind die meisten dieser Orchester ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden. Kein Zufall, wie der Wadgasser Musikwissenschaftler Björn Jakobs in seiner im Februar veröffentlichten Doktorarbeit herausgefunden hat. Als er das Buch "Mit Degen und Tamtam" in Wadgassen vorstellte, war der Saal voll: Orchestermusik ist ein Thema hierzulande.

Auf zwei Wegen, stellt Jakobs dar, kam der Landkreis zu so viel kultureller Vielfalt. Einmal war da das preußische Militär in Saarlouis. Wirksam wurde vor allem das 4. Rheinische Infanterie-Regiment Nr. 30 mit seinem Musikzug. Die "Dreißiger" waren von 1876 bis 1918 in Saarlouis stationiert. Ihre Blasmusik-Konzerte in der Stadt erfreuten sich ausweislich der Dokumente größter Beliebtheit bei den Bürgern. Man hörte und sah die Preußen in ihren blauen Uniformen gern, etwa im längst abgerissenen "Saalbau" am Kleinen Markt oder dem Hotel "Kaiserhof" gegenüber, in dem heute die Sparkasse residiert. Da gibt es aber auch die "Freiproben mit Konzert". Bei einem solchen Anfang des Jahrhunderts waren um 16 Uhr alle Sitzplätze belegt, um 19 Uhr war das Bier, das Saarlouiser Aktienbräu, komplett ausgetrunken: 25 Hektoliter, 10 000 Glas, wie Jakobs vorrechnet.

Die nachhaltige Wirkung der Saarlouiser Militärmusik aber lag woanders, nämlich zunächst in den vielen Werks- und Feuerwehrkapellen im Industriekreis Saarlouis. Die Werksmusik diente dazu, Zusammenhalt unter den Arbeitern zu fördern und zum kulturellen Ausgleich der harten Arbeit. Die elf Werksorchester und Bergkapellen im Kreis orientierten sich um 1900 stark an den Militärkapellen, schreibt Jakobs. Die Dirigenten kamen oft vom Militär und wurden nach dem aktiven Dienst in den Betrieben angestellt.

An diesen Werks- und Feuerwehrkapellen und den Militärkapellen des 19. Jahrhunderts orientierten sich die zivilen Musikvereine. Die litten zunächst darunter, dass das Publikum lieber Musik "mit Degen und Tamtam", also organisierte Militärmusik, hörte. Später aber stießen manche der jeweils um die 40 Musiker der Militärkapelle, bei der Truppe schlecht bezahlt, nicht nur zu den Werkskapellen, sondern auch zu den Vereinen. Bestehende Musikvereine bezahlten sie zum Beispiel fürs Dirigieren. Nach Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, manchmal auch vorher, gründeten sie selbst solche Vereine, vor allem leiteten sie sie an und steigerten als professionelle Musiker das Niveau erheblich. Jakobs nennt als Beispiele enger Verflechtungen solcher Musikvereine die in Steinbach, Lebach, Saarwellingen, Wallerfangen, Roden, Hostenbach und Ensdorf.

Jakobs hat ausgerechnet, dass etwa ein Viertel aller heutigen Musikvereine im Kreis Saarlouis in irgendeiner Form auf Militär-, Werks- und Feuerwehrkapellen zurückgehen.

In Wallerfangen zum Beispiel war Adolf Reckzeh bis 1906 Dirigent. Der 1857 geborene Reckzeh hat nach Jakobs' Urteil "den Aufstieg der Saarlouiser Militärmusik entscheidend zu verantworten". Reckzeh komponierte auch. Bekannt wurde das "Saarlied" zu einem Text des Lisdorfer Bibelübersetzers Jakob Ecker. Jakobs ließ sein Publikum in Wadgassen das Saarlied singen - es klappte wie zu Preußens Tagen mit "Am grünen Saum der Saar, da liegt mein Heimatland, mein Heim bleibt immerdar, wo meine Wiege stand.".

Spannend auch die Geschichte der Werkskapelle von Villeroy und Boch im damals preußischen Wallerfangen. Die Kapelle wurde 1851 gegründet und ab 1880 mit Saxophonen ausgestattet. Die hatten sich in der französischen Militärmusik durchgesetzt, in der deutschen waren und blieben sie lange verpönt. Auffällig auch: Kapellen-Gründer und Firmenchef Charles Villeroy spielte in dem Arbeiter-Ensemble mit, als Musiker, nicht als Dirigent.

Die vielen Musiker der 30er jedenfalls trugen erheblich zu der Qualifikation und zu dem Erfolg der zivilen Orchester bei - zu zeigen, wie das genau vor sich ging, gehört zu den Leistungen dieser Doktorarbeit.

Das Buch stellt auch die vielen jüngeren Gründungen von Blasmusikorchestern im Kreis Saarlouis zusammen, etwa die der kurzlebigen Ford Big Band. Oder die eher folkloristische Wiederbelebung der 30er-Tradition durch einen Verein, der musikalisch eng mit dem Wadgasser Orchesterverein kooperiert.

Bis 1899 wuchs das Interesse des Saarlouiser Publikums vor allem an den Sinfoniekonzerten der Militärkapellen stetig. "Frau Musica rief und alle kamen", titelte das Saarlouiser Journal damals blumig. Dann brach der Zuspruch ab. Vor allem ab 1910 forderte das Publikum: Platzkonzerte, Bläser statt Streicher.

Das Publikum in Saarlouis war damals nicht zwingend feinsinnig. Das Saarlouiser Journal vom 29. Juli 1905 klagt, "die Unsitte, Hunde in ein Konzert mitzubringen, scheint sich nicht ausrotten zu lassen."

Zum Thema:

Mit Degen und Tamtam Björn Jakobs Doktorarbeit "zeigt erstmals von 1135 bis heute die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Blasmusik im Saarland auf", schreibt Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Vorwort zu dem Buch. Jakobs (Jahrgang 1975) wurde an der Universität Luxemburg promoviert. Sein Buch hat der noch junge Saarlouiser Felten-Verlag gestaltet und opulent bebildert. "Mit Degen und Tamtam. Zur Geschichte und Entwicklung der Militär- und Amateurblasmusik im Musikkreis Saarlouis" ist für 24,95 Euro im Buchhandel erhältlich.