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Unheilbar krank - und trotzdem arbeitsfähig?

Wer nach einer Krebserkrankung arbeitsunfähig ist, ist nicht immer leicht zu sagen. Foto: dpa
Wer nach einer Krebserkrankung arbeitsunfähig ist, ist nicht immer leicht zu sagen. Foto: dpa
Nonnweiler. In warmen Orange- und Gelbtönen sind die Zimmer in Andrea Borkenhagens Haus in Nonnweiler-Otzenhausen gestrichen. Doch in den Räumen ist es kühl. "Ich muss mir wirklich drei Mal überlegen, wie lange ich die Heizung aufdrehe, da ich kaum noch Heizöl im Tank habe", sagt die 49-Jährige. Im Dezember 2011 erhielt sie die Diagnose Blasenkrebs, die aggressivste Form Von SZ-Redakteurin Ulrike Otto

Nonnweiler. In warmen Orange- und Gelbtönen sind die Zimmer in Andrea Borkenhagens Haus in Nonnweiler-Otzenhausen gestrichen. Doch in den Räumen ist es kühl. "Ich muss mir wirklich drei Mal überlegen, wie lange ich die Heizung aufdrehe, da ich kaum noch Heizöl im Tank habe", sagt die 49-Jährige. Im Dezember 2011 erhielt sie die Diagnose Blasenkrebs, die aggressivste Form. Heilung ausgeschlossen. Es folgt ein Jahr mit zwei Operationen, anschließenden Heilbehandlungen, Chemotherapie. Doch im November 2012 erklärt die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland die Krebspatientin für arbeitsfähig. Begründung: Es gebe derzeit keine neuen Tumore oder Metastasen. Drei Stunden leichte Tätigkeiten am Tag seien der arbeitslosen Otzenhausenerin zuzumuten. Seitdem steht Andrea Borkenhagen ohne Einkünfte da. Krankschreibungen durch ihren Urologen akzeptiert die Krankenkasse nicht mehr. Die rasch gestellten Anträge auf Rente und Arbeitslosengeld II sind bisher nicht beschieden worden. "Da wird einem immer gesagt, man soll sich noch ein schönes Leben machen. Aber durch so etwas wird einem der Rest gegeben", sagt Andrea Borkenhagen.Arbeitsfähig sei sie keineswegs. Dann zählt sie auf: Schon vor der Diagnose Blasenkrebs habe sie acht Unterleibsoperationen gehabt. Die Gebärmutter, die Blase und ein Stück Darm wurden entfernt, aus Letzterem wurde ein Blasenersatz geformt. Diese Neoblase funktioniere aber nur bedingt. "Nachts muss ich mir alle zweieinhalb Stunden den Wecker stellen, um zur Toilette zu gehen", erzählt die Krebspatientin. Dazu kämen die Nachwirkungen der Operationen und Chemotherapie sowie Unterleibsschmerzen. Ihr Behindertenausweis zeigt einen Behinderungsgrad von 100.


Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) im Saarland hat im Auftrag der AOK den Fall von Andrea Borkenhagen geprüft. "In diesem Fall haben mehrere sozialmedizinische Fallberatungen stattgefunden, das heißt, der ärztliche Gutachter hat den Fall mit dem Sachbearbeiter der AOK gemeinsam besprochen", erklärt Dr. Anja Hünnighausen, ärztliche Leiterin für die Gesetzliche Krankenversicherung des MDK im Saarland. Bei der letzten Fallberatung sei der jüngste Befundbericht des Urologen in die Entscheidung einbezogen worden, der drei Monate nach Abschluss der Chemotherapie keine Anhaltspunkte für ein Wiederauftreten der Krebserkrankung ergeben habe, erklärt Hünnighausen. Für Andrea Borkenhagen sind diese Auskünfte nicht befriedigend. "Nach Angaben meines Urologen wurde von ihm kein Bericht angefordert. Und in den Befundberichten steht ja nur drin, was aktuell an Beschwerden dazu gekommen ist, aber nicht, wie mein Gesamtzustand ist", sagt sie. Es sei eine schwierige Frage, bei welchem Krebs und in welchem Stadium jemand noch arbeitsfähig sei, erklärt die ärztliche Leiterin des MDK.

"Der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland liegen keine Hinweise vor, aus denen wir zurzeit eine Wiedererkrankung beziehungsweise Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Frau Borkenhagen ableiten können", heißt es in der Antwort der Krankenkasse auf eine SZ-Anfrage. "Die AOK macht also erst etwas, wenn wieder ein neuer Tumor da ist. Aber dann ist es zu spät", sagt Andrea Borkenhagen verbittert.

Gegen die Einstellung des Krankengeldes hat sie über den Sozialverband VdK Widerspruch einlegen lassen. Noch während der Recherche wird die Otzenhausenerin zur Begutachtung durch den MDK nach Saarbrücken eingeladen. "Das ist das übliche Prozedere bei einem Widerspruch", erklärt Anja Hünnighausen vom MDK. "Wir haben dem MDK auch die ganze Fallakte von Frau Borkenhagen zur Verfügung gestellt", ergänzt Dirk Moritz, Abteilungsleiter Krankengeld bei der AOK im Saarland. Im Januar wurde Andrea Borkenhagen erneut untersucht, eine Computertomografie angefertigt. Die neuen Ergebnisse sollen in die Begutachtung mit einfließen. Der Termin soll in der kommenden Woche stattfinden. Doch für Andrea Borkenhagen würden wohl nur schlechte Nachrichten für gute Nachrichten sorgen.