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Kneipen-Zug mit Carl dem Kühnen

Völklingen. Ins Kino der 50er Jahre haben sie die Völklinger schon mitgenommen. Und zu den Zapfhähnen, die einst durstige Arbeiter beim Hütten-Schichtwechsel mit Bier versorgten. Jetzt haben sie den Hüttengründer im Visier: Die Völklinger Mythenjäger wollen Carl Röchlings Jubiläumsfest von anno 1894 nachspielen. Geld dafür sammeln sie per Internet-„Crowdfunding“. Von SZ-Redakteurin Doris Döpke

"Unser Ausgangspunkt ist immer eine Szene", sagt Susanne Rist, Mitglied der Völklinger "Mythenjäger"-Arbeitsgruppe, beim Besuch in der Redaktion. Eine Szene, die eine Epoche der Völklinger Stadtgeschichte möglichst facettenreich zusammenfasst soll es sein, die bunt und unterhaltsam genug ist, um sie nachzuspielen, mit tatkräftiger Mitwirkung des Publikums.

Bei den Recherchen zum neuen Mythenjäger-Projekt, das dem Hüttengründer Carl Röchling gewidmet ist, war die passende Szene rasch gefunden. Im Februar 1894 lud Röchling, damals 67 Jahre alt, in Völklingen zur öffentlichen Feier seiner "50-jährigen Geschäftsthätigkeit" ein. Und die komplette Belegschaft der 1883 gegründeten und in den Folgejahren gewaltig gewachsenen Eisenhütte war dabei, rund 2500 Menschen.

Bei ihren Archivrecherchen haben die Mythenjäger reichlich Material über die Person des Hüttengründers und seine Epoche, die "Gründerzeit", die "Belle Epoque", gefunden, das sie in einer Broschüre veröffentlichen werden. Und amüsante Details über das Fest. Dennoch haben sie mit dem Nachspielen dieses Mal ein Problem: Dafür fehlt es noch an Geld. "Das Thema ist Sponsoren hinderlich", sagt Kersten. "Der Carl wird überhaupt nicht mehr wahrgenommen." Die - durchaus widersprüchliche - Persönlichkeit des Patriarchen, den Zeitgenossen gerne als "Carl den Kühnen" titulierten, werde quasi überstrahlt durch die umstrittene Figur seines Sohnes Hermann. "Wenn sie ‚Röchling' hören, fällt bei vielen Leuten schnell die Klappe", sagt Susanne Rist.

Sperrig. Aber erst recht Anreiz, dem Hüttengründer nachzuspüren. Und natürlich seinem Fest. Schweißermeister Theis hielt die Akklamationsrede. Die Erwiderung des Chefs, berichtet Rist, wurde in der Zeitung abgedruckt.

Eine Militärkapelle spielte, Chöre sangen, die Stadt war illuminiert und beflaggt, "alles sehr kaisertreu und staatstragend", kommentiert Kersten lachend. Und die Hüttenbelegschaft formierte sich zum Fackelzug. "Damit assoziieren wir sofort das Dritte Reich", sagt Kersten. "Aber das stimmt eben nicht": Carl Röchlings Epoche war viel früher, "er hatte das Glück, in einer Zeit ohne europäische Kriege zu leben". Und: Anno 1894 waren bestimmte Formen öffentlichen Feierns noch nicht mit der Bedeutung aufgeladen, die sie für uns Heutige haben.

Zum Schluss des Feier-Tages hatte Röchling in den Kneipen rund um die Hütte für die Belegschaft decken lassen, es gab Erbsensuppe und Bier - und der Chef zog persönlich durch die Lokale der Stadt, zum Handschlag und Prosit mit den vielen Gratulanten. Für diesen "Rundgang des Patriarchen", der dem Mythenjäger-Event den Titel gibt, musste ein Carl-Darsteller her. Gefunden haben die Mythenjäger ihn durch die SZ. Kersten hat den Ausschnitt dabei, auf dem Foto ist ein Gesicht eingekringelt: Klaus Udenhorst, einer der Naturschutzbeauftragten der Stadt, sieht dem Hüttengründer verblüffend ähnlich. Und war, berichtet Kersten, sofort bereit, beim Re-Enactment ins Röchling-Kostüm zu schlüpfen. Einen Test-Auftritt mit Gehrock, Vatermörder und steifem Hut hat Udenhorst schon absolviert, fürs Foto, mit dem die Mythenjäger für ihr Projekt werben; "er war ein tolles Fotomodell", sagt Susanne Rist anerkennend.

Am 12. Oktober wird es ernst: Dann steht Klaus Udenhorst als Carl Röchling auf der Stadt-Bühne. Wenn, ja wenn es glückt, per Internet-"Crowdfunding" 1500 Euro fürs historische Schauspiel zu sammeln.

Zum Thema:

Hintergrund Die Mythenjäger sind ein Arbeitskreis der Völklinger Volkshochschule, der sich unter dem Motto "Alles Mythos, oder was?" mit Völklinger Stadtgeschichte befasst. Die Gruppe - Hendrik Kersten (Leitung), Susanne Rist, Michael Samsel und Horst Schillinger - will Historisches unterhaltsam aufbereiten: Sie setzt aufs "Re-Enactment", das Nachspielen vergangener Ereignisse, wobei das Publikum mitspielt. Ihr erstes Projekt galt den Glanzzeiten des Völklinger Kinos, ihr zweites dem Schichtwechsel an der Völklinger Hütte, der einst für Hochbetrieb in den nahen Kneipen sorgte. dd mythen-jaeger.de

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StichwortCrowdfunding - der angelsächsische Begriff ist zusammengesetzt aus "crowd" (deutsch: Menschenmenge, Masse) und "funding" (deutsch: Finanzierung) - ist eine noch junge Form, Geld zu sammeln für Projekte oder Firmengründungen. Sie stützt sich in der Regel aufs Internet. Dort stellen die Projektemacher ihr Vorhaben vor und werben um Unterstützer, die sich finanziell für das Projekt engagieren, und sei es mit kleinen Beträgen. Die Völklinger Mythenjäger haben ihr Crowdfunding im Netz-Portal Startnext eingestellt. Es soll 1500 Euro fürs Re-Enactment einspielen. ddstartnext.de/mythos-gruenderzeit