Grande: rätselhaft bei den Perspectives : Ein Verwirrspiel, das die Lust wecken soll

Grande: rätselhaft bei den Perspectives : Ein Verwirrspiel, das die Lust wecken soll

Mit dem gefeierten, geheimnisvollen Stück „Grande“ eröffnet nächste Woche das Festival Perspectives. 

Das Stück „Grande“ bekam begeisterte Kritiken und entzückte Reaktionen des  Publikums. Nur erklären lässt es sich offenbar nicht so leicht – was durchaus in der Absicht der Künstlerin Vimala Pons und ihres Partners Tsirihaka Harrivel liegt. Wir haben versucht, ihnen ein paar Erläuterungen zu entlocken. Das Interview wurde aus dem Französischen übertragen.

Sie machen ein großes Geheimnis darum, was genau in „Grande“ zu sehen ist. Auch aussagekräftige Pressefotos der Produktion gibt es  keine. Dieses „Verhüllen“ hat ja Methode. Warum ist es Ihnen so wichtig?

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: Wir denken, dass ein Theaterstück Austausch von Energie ist, und wir hatten keine Lust, die Lust anderer mit einer Auflistung von „Höhepunkten“ zu wecken. Denn unserer Meinung nach sind die wirklich starken Momente häufig die sehr schwachen Momente. Wir versuchen es mit Begegnung, Interaktion, Verquickung von Gewöhnlichem und Ungewöhnlichem, Eindrücklichem und Banalem, mit  Erhabenem und Groteskem. Dinge zu beschreiben ist nicht die beste Art, über sie zu sprechen. Daher sprechen wir uns dafür aus, „nachträglich zu verstehen“

Während andere Gruppen oft ganze Stücke auf Youtube stellen, findet man bei Ihnen nur ein absurdes Pseudo-Interview und fast leere Bühnenbilder.

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: Wenn Sie erlauben – wir sind nicht ganz einverstanden mit dem, was Sie sagen: Unser gefälschtes Interview ist überhaupt nicht absurd, denn alle Fragen, die dem Stück Rhythmus geben und es beherrschen, werden darin dargelegt. Zum Beispiel, dass es eine große Revue der Aktualität ist. Dass es wichtig ist, sich eine Welt zu bauen, in der es sich in Frieden sterben lässt. Dass Humor die überlegene Revolte des Geistes ist – und dass wir eine Küche und einen Kumpel haben, der Jojo heißt. . .  Wir haben auch deshalb keine Filmausschnitte gemacht, weil wir lieber Erotik wollen statt der Pornografie der Teaser, die Internet und Theatersäle überschwemmen und das Objekt „Theaterstück“ in vereinfachender Weise in die Schublade „Produkt“ stecken.

Die Chefin des Perspectives-Festivals, Sylvie Hamard, bezeichnet ihr Stück als „grandios, aber unbeschreiblich“. . .

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: Das „Aber“ erstaunt uns, als ob „unbeschreiblich“ ein Defekt wäre. Man könnte auch „und“ unbeschreiblich sagen. Wir denken auch nicht, dass wir etwas „Grandioses“ gemacht haben, wie etwa einen sehr guten Zeichentrickfilm von Tex Avery oder eine spätgotische Kathedrale, die sich mitten im Bau befindet und deren einer Flügel gerade einstürzt. Allerdings würde es uns sehr zu schaffen machen, wenn wir etwas Beschreibbares geschrieben hätten. . .

Dann beschreiben Sie doch ohne zu beschreiben. . .

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: „Grande“ ist die Frucht unserer nächtlichen Gespräche. „Grande“ ist sowohl ein Duo (das ist letztlich die einfachste Beschreibung), als auch, wie im Variété, eine große Revue alles dessen, was uns wütend, betrübt, verliebt oder fragend macht. Es ist auch ein Stück, das wir als „zu Hause fertig zu schreibendes Gedicht“ schreiben wollten. „Grande“ ist auch ein Live-Konzert der einfachen Klangmotive, die unsere Aktionen wie in „Peter und der Wolf“ oder in Opern nuancieren und charakterisieren. Letzten Endes stellt es eine Doppelfrage: Wie schreibt man ein Stück und wie schreibt man sein Leben? Was wählt man wirklich? Was wäre passiert, wenn ich meine Tränen abgewischt hätte, statt meine Küche zu wischen?

„So neu, so intensiv, so überraschend, so überwältigend“ schreibt die Zeitung Libération über „Grande“. Seit Jahrzehnten haben in Frankreich Jahr für Jahr viele Zirkusproduktionen Premiere. Und doch ist Ihnen offenbar etwas Neues geglückt. Wie haben Sie das geschafft?

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: Es gab auch diesen Artikel im Cirque-Cirkus Mag, in dem stand: „Diese beiden Ungeschickten können noch nicht einmal mit drei Bällen jonglieren“. Ein sehr guter Artikel. Wir wollen überhaupt nichts Neues schaffen – im 21. Jahrhundert, seit Marcel Duchamp, ist es sehr schwer, etwas Neues zu machen. Das einzige, was wir zu tun haben, ist eine Reorganisation althergebrachter Dinge: rennen, heulen, weil niemand hinter einer Tür antwortet, einen Akkord auf dem Synthesizer greifen, den Tod von jemandem besingen, in die Kindheit zurückfallen, halsbrecherisch stürzen, sich unendlich weiter ausziehen, sich um jeden Preis an einer Idee festklammern. . .

Gute Kritiken, begeistertes Publikum und Gastspiele von Brest bis Brüssel. Das ist alles schön und gut. Aber so eine Produktion ist auch aufwändig. Kann man als Künstler letztlich davon auch leben?

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: Wir haben das Glück, vielfache Unterstützung zu bekommen. Man hat uns Vertrauen entgegengebracht, obwohl es am Anfang sehr, sehr, sehr schwer, wenn nicht unmöglich war, zu verstehen, was wir machen würden. Wir haben auch einen Teil des Stücks mit unseren eigenen Mitteln produziert. Aber um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, man kann davon leben, es hängt davon ab, was man leben nennt. Leben im Sinne von sein Leben verdienen: ja, das kann man dank der kulturellen Sonderstellung Frankreichs. Eine Produktion wie diese ist nicht sehr kostspielig, es hängt immer davon ab, womit man sie vergleicht. Zum Beispiel kann ich mit einer Hermès-Tasche fünf Vorstellungen von „Grande“ finanzieren.

„Grande“ kam vor zwei Jahren auf die Bühne, richtig? Wie lange werden Sie es spielen? Erarbeiten Sie bereits was Neues?

Vimala Pons und Tsirihaka Harrivel: Die Premiere war im Oktober 2016, die Arbeiten begannen 2013, und das Ganze begann für uns beide 2005. Zehn Jahre Arbeit für zehn Jahre Tournee – das wäre ein guter Schnitt. Wir sind seit sechs Monaten an einem neuen Stück und hoffen, diese neue gigantische Arbeit im Jahr 2021 zeigen zu können. Aber natürlich werden wir nicht darüber sprechen . . .

Mit „Grande“ eröffnen am Donnerstag, 17. Mai, 20 Uhr, die  Perspectives im E-Werk. Eine weitere Vorstellung ist am 18.  Mai, 20 Uhr. Karten im Festivalbüro, Fürstenstraße 5-7 (neben Karstadt), Tel. (0681) 93 85 56 00.

Die Fragen stellte Susanne Brenner