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Opferhilfe in modernem Gewand
Der Weisse Ring verjüngt sich

Steven Eder, der neue Jugendbeauftragte des Weissen Rings im Saarland, und der Beauftragte der Außenstelle Neunkirchen, Jürgen Felix Zeck, präsentierten beim SZ-Besuch das neue Plakat, mit dem auf den Weissen Ring aufmerksam gemacht wird.
Steven Eder, der neue Jugendbeauftragte des Weissen Rings im Saarland, und der Beauftragte der Außenstelle Neunkirchen, Jürgen Felix Zeck, präsentierten beim SZ-Besuch das neue Plakat, mit dem auf den Weissen Ring aufmerksam gemacht wird. FOTO: Heike Jungmann
Neunkirchen. Der gemeinnützige Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern hat jetzt auch einen Jugendbeauftragten. Von Heike Jungmann

Nicht nur „gewöhnliche“ Kriminelle, auch Stalker bedienen sich immer häufiger moderner Methoden, um an ihr Ziel zu kommen. Das Ziel, meist die ehemalige Lebenspartnerin oder auch der Lebenspartner, kann etwa per Spionage-App abgehört werden. Nach solch einem digitalen Angriff auf die Privatsphäre fühlt sich das Opfer völlig hilflos. „Wir erleben auch in der Kriminalität eine Veränderung“, weiß Jürgen Felix Zeck. Der Leiter der Außenstelle Neunkirchen des „Weissen Rings“ berichtet, dass die Fälle häuslicher Gewalt, dazu zählt Stalking meist wegen der Verfolgung des Ex-Partners, im vergangenen Jahr mit 22 Fällen den Schwerpunkt der Opferfälle ausmachte. Gerade die Spionage per Smartphone, die viele Opfer erst spät entdecken, sorge für eine enorme psychische Belastung. Stalking-Opfer, die sich an den Weissen Ring wenden, erhalten Verhaltenstipps, etwa eine neue Handynummer, die Wahl eines anderen Heimwegs und im äußersten Fall sogar ein Wohnungswechsel. Diese Einschränkungen machten die Situation für die Opfer unerträglich, berichtet Zeck. „Wieso muss ich das in Kauf nehmen, ich bin doch das Opfer?“, schildert der Außenstellenleiter die Gefühlslage der Betroffenen. Stalking sei eine sehr komplexe Kriminalitätsform, die in der Summe so belastend sei.


Insgesamt 60 Opferfälle (im Vorjahr 62) bewältigten die aktuell acht ehrenamtlichen Mitarbeiter und zwei Anwärter der Außenstelle Neunkirchen im vergangenen Jahr. Ihr Zuständigkeitsbereich ist der gesamte Landkreis Neunkirchen mit rund 135 500 Einwohnern in den sieben Städten und Gemeinden. Die Art der Opferfälle reicht von der erwähnten häuslichen Gewalt über Sexualdelikte (13 Fälle), Körperverletzung und Diebstahl/Unterschlagung (je sieben), Raub und Betrug (je drei) über Bedrohung bis hin zu einem Tötungsdelikt. Menschen zwischen elf und 103 Jahren wendeten sich an den Weissen Ring in Neunkirchen, überwiegend weibliche. Natürlich werden auch Männer Opfer von Gewalt, doch viele scheuen sich, Hilfe von außen anzunehmen. In den meisten Fällen, etwa 40 Prozent, meldeten sich die Betroffenen selbst bei der Opfer-Organisation. Durch eine Kooperation mit der Polizei, die bei der Anzeige von Gewalttaten auf den Weissen Ring aufmerksam macht, wurde zu 15 Personen Kontakt aufgenommen. Auch Familienangehörige (16,6 Prozent) melden, wenn ein Opfer Hilfe braucht. Sehr gut funktioniere auch die Netzwerkarbeit im Kreis Neunkirchen, sagt Zeck. Beratungsstellen, Kliniken und sonstige Betreuer, etwa beim Jobcenter, verweisen ebenfalls bei Bedarf an den Weissen Ring. Dieser hilft nicht nur mit guten Ratschlägen, nach genauer Prüfung des Falls können auch materielle Hilfen geleistet werden. 2017 wurden insgesamt acht Beratungschecks über je 190 Euro ausgestellt, damit sich die Opfer beim Anwalt etwa über sozialrechtliche Hintergründe informieren lassen können. Zum Beispiel macht es in einigen Fällen durchaus Sinn, als Nebenkläger aufzutreten. In drei Fällen wurde als Soforthilfe je 300 Euro ausgezahlt. In einem besonders harten Fall erhielt das Opfer 1800 Euro für eine Neumöblierung der Wohnung. Eine alleinerziehende Frau, die Opfer einer Straftat geworden war, konnte das Heizgeld nicht aufbringen. Sie erhielt 360 Euro für Heizkosten und Unterhalt. Insgesamt hat der Weisse Ring Neunkirchen im vergangenen Jahr 5215,10 Euro an 15 Opfer ausgezahlt, die die vorgegebenen Richtlinien erfüllten.

Prävention und Öffentlichkeitsarbeit ist ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld für den Weissen Ring. Der gemeinnützige Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten bemüht sich gerade im Saarland, sein Auftreten zu verjüngen. Im vergangenen November ist Steven Eder aus Kirkel zum ersten Jugendbeauftragten des Landesverbandes Saarland des Weissen Rings ernannt worden. Der 22-Jährige ist eher per Zufall zur Opferhilfe gekommen. Auch in anderen Bereichen ehrenamtlich engagiert, rief der Student der Politikwissenschaften nach einer Internetrecherche spontan beim Außenstellenleiter Saar-Pfalz-Kreis, Jürgen Krancher, an. Dieser ließ sich die Chance nicht entgehen, einen jungen Menschen für die Opferarbeit zu gewinnen. Jürgen Zeck sagt: „Wir wollen eine junge Gruppe einrichten, um in Augenhöhe mit jungen Opfern sprechen zu können.“ Junge, moderne Ideen sind auch bei der Prävention gefragt, etwa über Soziale Medien wie Twitter und Facebook. Oder das Projekt mit der Hochschule für Bildende Kunst in Saarbrücken. Hier wurden Ideen entwickelt, wie man junge Menschen auf moderne Weise für das Ehrenamt gewinnen kann.



Steven Eder übrigens hatte zunächst großen Respekt davor, als so junger Mensch einem Opfer beiseite zu stehen. „Ich dachte, ich hätte zu wenig Lebenserfahrung, um gute Ratschläge zu geben.“ Aber es funktioniert, wie Eder heute sagt. Auch dank einer fundierten Schulung durch den Weissen Ring.