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Tressel im Altenzentrum St. Barbara St. Ingbert
Aus dem Teufelskreis um die Altenhilfe ausbrechen

Bundestagsabgeordneter Markus Tressel.
Bundestagsabgeordneter Markus Tressel. FOTO: Erik Marquardt
St. Ingbert. Bundestagsabgeordneter Markus Tressel diskutierte im Altenzentrum St. Barbara über die Situation der stationären Altenhilfe. Von Selina Carolin Summer

Die derzeitige Situation der stationären Altenhilfe ist immer wieder im Gespräch. Von Fachkräftemangel und fehlender Fachkompetenz ist oft die Rede. Aber was kann man dagegen tun? Auch das St. Ingberter Caritas-Altenzentrum St. Barbara hat mit Problemen zu kämpfen. Als Charlotte Mast, Mitglied des Kreistages, Einrichtungsleiter Paul Lösch auf mögliche Themen für den Kreispflegeausschuss anspricht, hat er gleich mehrere Ideen parat. Seit 2012 leitet er das Altenzentrum und weiß, wo die Probleme liegen.


„Es geht der stationären Altenhilfe sehr schlecht. Es gibt wieder Geld, noch Mitarbeiter, noch Unterstützung von der Öffentlichkeit“, sagt er. Und das er sich wünschen würde, mit einem Vertreter der Politik offen über diese Themen zu sprechen. Kurz darauf kündigt sich Markus Tressel zum Termin an. Als Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher für ländliche Räume (Die Grünen) liegt dieses Thema auch ihm sehr am Herzen. Pflege ist, da sind sich Lösch und Tressel sofort einig, ein gesamtgesellschaftliches Problem, um das sich gekümmert werden muss. Die Probleme sind weit gefächert und zahnen an vielen Stellen ineinander.

Auf dem Rundgang durch die Einrichtung wird schnell klar, das oft das Alter der Gebäude Schwierigkeiten verursacht. Im in den 80ern gebauten Teil des Altenzentrums fehlt es an Gemeinschaftsräumen, die Aufteilung ist nicht mehr zeitgemäß. Der Anbau von 2004 ist da schon moderner. Saniert werden, müsste trotzdem, aber es herrscht Sanierungsstau. Neben der stationären Pflege bietet St. Barbara auch Tages und Kurzzeitpflege sowie das betreute Wohnen. Zur stationären Pflege gehören 132 Plätze, die jedoch nicht alle belegt sind. Über das Jahr bleiben fünf Plätze ungenutzt, aktuell sind es sogar neun. Schuld daran ist fehlendes Personal.



Im Saarland müssen im Tagesdienst 50 Prozent des Personals Fachkräfte sein und zudem eine Fachkraft auf maximal 30 Pflegebedürftige. Das ist bei der aktuellen Arbeitsmarktsituation jedoch schlicht nicht zu stemmen. Und das, obwohl in St. Barabara neben den 95 Mitarbeitern noch 20 ehrenamtliche Helfer tatkräftig Hand anlegen. Die Gesprächsrunde weiß, woran das liegt: Heute werden die Leute älter, es gibt immer mehr schwerstpflegebedürftige und nur noch wenige junge Menschen wollen die Ausbildung zur Fachkraft oder dem Pflegehelfer absolvieren. Tressel kennt die Lage der Pflegekräfte selbst. Er hat schon in einem Seniorenheim gearbeitet und auch zu seinem politischen Engagement gehört es für ihn selbstverständlich dazu, mit anzupacken. Doch in der Zeit der Digitalisierung und Akademisierung ist die Wertschätzung für diese Berufsbilder sehr gesunken. „In den letzten Jahren stand das Wachstum im Vordergrund und Soziales ist hinten heruntergefallen“, fasst Tressel zusammen. „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Themen an die Tagesordnung kommen. Soziale Berufe sind der Kitt der Gesellschaft.“

Einerseits sei das sehr wohl Aufgabe der Politik, andererseits aber auch die der Träger. Mehr in Schulen gehen und gegenüber der Gesellschaft das Thema Altenhilfe enttabuisieren sind die ersten Schritte, die er anführt. Oft seien Pflegeheime zu schlecht dargestellt. Skandale sorgen für Negativschlagzeilen und ja, all diese Fälle gibt es, aber es kann auch gut funktionieren. Noch besser natürlich, wenn genügend Personal zur Verfügung stehe, das stellen auch die Mitglieder des Bewohnerbeirates und die Mitarbeitervertretung von St. Barbara klar, die an dem Gespräch teilnahmen. Neben dem Personal fehle es außerdem oft am Geld. Tressel findet dafür klare Worte: „Eine so reiche Gesellschaft sollte investieren. Auch Steuergelder.“ Lösch und seine Kollegen nutzen jede Möglichkeit, neue Mirarbeiter zu gewinnen. Sei es über das Internet oder über Programme wie „Wegebau“ von der Agentur für Arbeit, das Quereinsteigern und älteren Berufseinsteigern die Möglichkeit bietet, in der Ausbildung zum vollen Gehalt eines Pflegehelfers zu arbeiten. Jetzt müssen sich nur noch die Leute finden, die den Beruf auch erlernen möchten.

„Wir haben in der Gesellschaft ein Wahrnehmungsproblem“, befindet Tressel und bezieht sich dabei auf viele Aspekte dieses komplexten Themas. „Es muss offen und tabufrei darüber gesprochen werden, wie wir in Zukunft in dieser Gesellschaft leben wollen.“ Das sich die über Jahrzehnte entstandene Situation nicht innerhalb kurzer Zeit lösen lässt ist allen klar. Aber einen Anstoß geben, das könne man. Auf verschiedene Weise. So stehen nach dem Gespräch der Plan für weiteren Kontakt und sogar eine Schicht im Altenzentrum für Markus Tressel an. Ein Tropfen in das große Fass ist immerhin ein Anfang.