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Sexuelle Belästigung an der Saar-Uni: „Eine besonders gefährdete Gruppe“

Sexuelle Belästigung an der Saar-Uni : „Eine besonders gefährdete Gruppe“

Studentinnen werden überdurchschnittlich häufig Opfer von sexuellen Übergriffen. Das Gleichstellungsbüro der Saar-Uni bietet Hilfe an.

Dass sich Sexismus und Diskriminierung durch alle gesellschaftlichen Schichten ziehen, ist nicht erst seit Harvey Weinstein und der #metoo-Kampagne bekannt. Vergleichsweise neu ist hingegen, dass auch die europäischen Universitäten bei diesem Thema genauer hinschauen. Welche Erfahrungen Studenten und vor allem Studentinnen mit Diskriminierung und sexueller Belästigung machen, hat die Université de Lorraine kürzlich untersucht (wir haben berichtet). Im Januar und Februar des vergangenen Jahres waren 22 000 Studenten zu einer Online-Befragung aufgerufen. 4020 machten mit, 2267 füllten den Fragebogen vollständig aus. Fast die Hälfte gab an, bereits Zeuge diskriminierenden Verhaltens im Studium gewesen zu sein. Unter den Opfern waren mit 88 Prozent in erster Linie Frauen.

Und wie sieht es auf dem Campus der Saar-Uni aus? „Wir erheben zwar keine genauen Zahlen, aber unsere Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen der Umfrage in Frankreich“, sagt Sybille Jung, Gleichstellungsbeauftragte an der Universität. „Im Zuge der #metoo-Kampagne melden sich deutlich mehr Frauen bei uns als vorher.“ Wie viele insgesamt betroffen seien, ließe sich aber dennoch kaum abschätzen. „Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit noch immer hoch“, so Jungs Einschätzung.

„Sowohl sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt als auch Stalking werden in erdrückender Mehrheit von Männern ausgeübt“, sagt Thomas Feltes, Professor für Kriminologie an der juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Er und sein Team haben 21 000 Studentinnen aus ganz Europa zu ihren Erfahrungen auf dem Campus befragt. 55 Prozent der Frauen hätten dabei angegeben, im Studium bereits sexuellen Belästigungen ausgesetzt gewesen zu sein, erklärt Feltes. 3,3 Prozent seien in dieser Zeit sogar Opfer sexueller Gewalt geworden. Jede zehnte Studentin fühle sich im Studium durch Stalker bedroht. „Studentinnen stellen eine besonders gefährdete Gruppe für sexuelle Gewalt dar“, so das Fazit des Kriminologen.

Viele dieser Vorfälle haben sich Feltes zufolge auf dem Campus selbst ereignet: „Bei sexueller Belästigung wurden 27,5 Prozent der schwerwiegendsten Situationen an der Hochschule erlebt, bei Stalking sind es noch 10,1 Prozent und bei sexueller Gewalt 5,3 Prozent der Fälle“, sagt Feltes. Fast jede zweite Studentin habe angegeben, sich abends ohne Begleitung auf dem Unigelände nicht sicher zu fühlen.

Die Erklärung für den Umstand, dass auch der Campus Schauplatz von sexuellen Übergriffen sein kann, liegt für Sybille Jung in den akademischen Machtverhältnissen. „Natürlich erleben wir dieses Verhalten auch unter Kommilitonen“, erklärt sie. Solche Vorfälle seien aber seltener und meist weniger schwerwiegend. „Echte Not entsteht in der Regel durch Machtstrukturen, sexuelle Belästigung passiert selten auf Augenhöhe.“

Das zeige sich auch daran, dass sehr häufig Doktorandinnen betroffen seien. „Sie sind von ihren Vorgesetzten abhängig, die ja ihre Arbeit bewerten, gleichzeitig wird aber in einer Arbeitsgruppe viel gemeinsam unternommen.“ Solche halb-privaten Bereiche bereiteten übergriffigem Verhalten dann oft den Nährboden, so die Meinung der Psychologin.

Auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sieht das Hauptproblem in universitären Machtstrukturen. „Wegen der Vielzahl von Abhängigkeitsverhältnissen brauchen wir in den Hochschulen eine große Aufmerksamkeit für das Thema und konkrete Vorsorgemaßnahmen“, sagt HRK-Präsident Horst Hippler. Die Hochschulen müssten ihre Mitglieder für die Problematik sensibilisieren, Verstöße klar sanktionieren und Anlaufstellen für Betroffene schaffen, so die Forderung von HRK-Vizepräsidentin Ulrike Beisiegel.

„Die Fälle, die wir erleben sind grundsätzlich sehr vielfältig“, berichtet Sybille Jung. „Meist handelt es sich um sexuelle Belästigung, also ungewollte Körperkontakte, verbale Entgleisungen oder anzügliches Bildmaterial.“ Ihre klare Empfehlung lautet, sich in solchen Fällen umgehend beim Gleichstellungsbüro zu melden. „Mit solchen Dingen sollte man nicht allein bleiben“, rät sie.

Das weitere Vorgehen werde dann zunächst unter vier Augen besprochen. „Für uns gilt hier eine eindeutige Schweigepflicht, Inhalte der Gespräche gelangen nur dann nach außen, wenn die Betroffene das wünscht“, erklärt Jung. „Wie es weitergeht, hängt dann natürlich auch von der Schwere der Vorwürfe ab“, so die Psychologin. „Wenn etwa ein Dozent einen Kalender mit nackten Frauen in seinem Büro hat, teilen wir ihm mit, dass er ihn abhängen muss, damit hat sich die Sache dann in der Regel erledigt.“

Oft helfe auch bereits ein klärendes Gespräch. „Als erstes versuchen wir immer, den Betroffenen Mut zuzusprechen“, sagt Jung. „Wichtig ist ein deutliches Nein nach außen, sehr laut und sehr klar“, so ihr Rat. Häufig fühlten sich die Angesprochenen schon dadurch abgeschreckt, erklärt sie. „Wenn eine Betroffene das nicht selbst machen will, übernehmen wir das auf Wunsch.“ In schwereren Fällen hätten die Täter neben strafrechtlichen Folgen auch Konsequenzen an der Hochschule zu fürchten, erklärt Jung. „Wenn so etwas vorkommt, gehen wir sehr entschieden vor“, betont sie. „Mit Ausnahme von Professoren können wir gegen alle Mitarbeiter der Universität direkt dienstrechtliche Schritte einleiten.“ Professoren seien als Beamte hingegen der Staatskanzlei unterstellt. „Die sehen das dort aber auch nicht als Kavaliersdelikt“, sagt Jung.

Der Gesetzgeber hat sich im Jahr 2016 klar positioniert. Nach der unter dem Schlagwort „Nein heißt nein“ bekannt gewordenen Reform des Sexualstrafrechts, können nun alle „nicht-einverständlichen sexuellen Handlungen“ verfolgt werden. Dabei ist es gleichgültig, ob sich das Opfer körperlich gewehrt hat oder nicht. Gleichzeitig wurde mit dem Gesetz der neue Straftatbestand der sexuellen Belästigung eingeführt. Damit sind auch Übergriffe strafbar, die vorher als „nicht erheblich“ eingestuft wurden, wie etwa das sogenannte Grapschen. „Es gibt noch nicht genug Urteile, um die Effektivität der neuen Gesetzgebung wirklich einschätzen zu können“, sagt Sybille Jung. „Aber es ist definitiv eine Verbesserung.“

Trotzdem wagten viele Frauen oft nicht, sich zur Wehr zu setzen, erklärt die Psychologin. „Viele empfinden Scham. Sie denken sich ‚Warum passiert das gerade mir? Liegt es vielleicht daran, dass ich zu knapp angezogen bin? Habe ich nicht klar genug Nein gesagt?‘“ Auf solche Gedankengänge hat Sybille Jung eine einfache Antwort: „In den 20 Jahren, die ich diesen Beruf mache, gab es keine einzige Frau, die ohne Grund hier gewesen wäre.“

An der Saar-Universität sieht die Gleichstellungsbeauftrage noch Nachholbedarf. „Ich würde mir wünschen, dass die Sensibilisierung für solche Themen Teil unseres Trainings für Führungskräfte wird“, sagt Jung. Generell müsse man die Probleme stärker ins Licht der Öffentlichkeit rücken. „Wir müssen eine Kultur auf dem Campus schaffen, die das unmöglich macht“, betont sie. „Niemand darf sich mehr schlecht fühlen müssen, wenn er sagt: ‚Mir ist das passiert.´“

Das Gleichstellungsbüro der Universität des Saarlands bietet Studentinnen neben den Beratungsgesprächen eine Reihe weiterer Hilfen an. Sie sind auf der Internetseite des Büros zusammengefasst.

gleichstellung.uni-saarland.de