1. Saarland

Die jüdische Gemeinde fehlt den Menschen

Die jüdische Gemeinde fehlt den Menschen

Vor 75 Jahren hat die so genannte Reichspogromnacht mit dem Beginn der Verfolgung jüdischer Mitbürger das Leben in Deutschland einschneidend verändert. Am Samstagabend versammelten sich in Ottweiler, dort wo einst die Synagoge stand, Menschen zum gemeinsamen Gedenken an die Opfer dieser Albtraum-Nacht.

. Etwas versteckt zwischen den Häusern der Altstadt steht das Mahnmal, das den einstigen Standort der Ottweiler Synagoge markiert. Trotzdem fanden am Samstagabend immer mehr Menschen den Weg durch die engen Gässchen dorthin. Man begrüßte sich leise, griff eine der bereitliegenden Kerzen und gab das Feuer untereinander weiter. Man wollte gemeinsam der Opfer der Reichspogromnacht vor genau 75 Jahren, sowie der Opfer aller darauf folgenden Verbrechen an Juden, bis hin zum Massenmord, durch die Nationalsozialisten gedenken.

"Es war ein einziger Albtraum, auch in Ottweiler. Menschen, die hier zu Hause waren, die hier ihrer Arbeit nachgingen und die vielleicht auch am kulturellen und politischen Leben teilnahmen, wurden in Konzentrationslager verschleppt", sagte der stellvertretende Ortsvorsteher Rolf Rischar. Pfarrer Jörg Heidmann und Diakon Peter Munkes beteten gemeinsam mit den Anwesenden und ermutigten dazu, die Stimme zu erheben, wo immer sich im Kleinen Unrecht auszubreiten beginne.

"Wenn die Rede ist von fremden Menschen, etwa von Roma oder den Flüchtlingen in Lampedusa, so wollen wir nicht den Klischees dienen. Wir wollen differenziert auf diese Menschen sehen und auch auf die Not, die sie bewegt", sagte Heidmann. Um Gottes Willen, im wahrsten Sinne des Wortes, solle man sich nicht raushalten, sondern einmischen. Ottweiler sei ärmer geworden durch den Verlust seiner jüdischen Gemeinde, betonte Munkes. "Wie anders wäre es, wenn sie heute noch da wären, die Familien Salm, Herrmann, Coblentz und andere."

Die Verbrechen der Nazis seien noch gar nicht lange, gerade mal ein Menschenleben, her. Und auch heute seien noch Opfer und Zeitzeugen davon betroffen.

Es war still in dem Kreis, den man gebildet hatte. Man schaute auf die Kerzen, die auf dem Mahnmal oder in den eigenen Händen flackerten, als jüdische Lieder erklangen, gespielt von Gunnar Schröder am Cello. Besonders berührte viele das hoffnungsvolle "Yerushalaim shel zahav". Ebenso der Bericht eines 13-jährigen jüdischen Jungen über seine Erlebnisse in der Reichspogromnacht, den Philipp Ringling von der evangelischen Kirchengemeinde vorlas.

Nach und nach stellten die Anwesenden ihre Kerzen auf und an dem Mahnmal ab. Auch die 21-jährige Marina Bechler suchte einen Platz für ihr Teelicht: "Ich bin von klein an über das Thema informiert worden: in der Familie, in der Schule, im Kindergottesdienst. Für mich ist es wichtig, heute hier zu sein." Ebenso Michelle Werkli, die zusammen mit Freunden gekommen war, um der in Ottweiler und anderswo verfolgten Juden zu gedenken.

Einer beobachtete ganz genau, wie das Mahnmal, das er vor 25 Jahren selbst mitinitiiert hatte, mit jedem Teelicht heller aus der Dunkelheit hervorleuchtete: Bürgermeister a.D. Hans-Heinrich Rödle. "Wir müssen wach sein und uns gegenseitig immer wieder wach halten. Damit so etwas niemals wieder passiert."