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„England kommt als Helfer Frankreichs nicht infrage“

„England kommt als Helfer Frankreichs nicht infrage“

Die Merziger Zeitung gab ihren Lesern dies am 7. August in einem Beitrag zu verstehen: "Unsere Truppen haben Luxemburg besetzt und vielleicht schon belgisches Gebiet betreten. Das widerspricht den Geboten des Völkerrechts.

 Überall glichen sich die Bilder: Eskortiert von jubelnden Frauen und lachenden Kindern ziehen die Männer in den Krieg. Auf zeitgenössischen Bildern wurde daraus ein gelassener, fast fröhlicher Abschied. REPRO: Volkmar SCHOMMER
Überall glichen sich die Bilder: Eskortiert von jubelnden Frauen und lachenden Kindern ziehen die Männer in den Krieg. Auf zeitgenössischen Bildern wurde daraus ein gelassener, fast fröhlicher Abschied. REPRO: Volkmar SCHOMMER

Die französische Regierung hat zwar in Brüssel erklärt, die Neutralität Belgiens respektieren zu wollen, solange der Gegner sie respektiere. Frankreich konnte warten, wir nicht. Ein französischer Einfall in unsere Flanke am unteren Rhein hätte verhängnisvoll werden können. So waren wir gezwungen, uns über den vereinigten Protest der luxemburgischen und der belgischen Regierung hinwegzusetzen. Das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wieder gut machen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist. Wer so bedroht ist, wie wir, um sein Höchstes kämpft, der darf nur daran denken, wie er sich durchhaut.”

Die Merziger Zeitung beschrieb am 13. August in recht naiver Weise den Einmarsch der deutschen Truppen in Luxemburg : "Als die Bewohner der Stadt Luxemburg am Sonntagmorgen den ersten Blick zum Fenster hinaus warfen, gewahrten sie die preußischen Soldaten in der feldgrauen Uniform mit aufgepflanztem Seitengewehr, die Straßen auf- und abschritten. Sie trauten ihren Augen nicht. Doch die Wirklichkeit war zu handgreiflich. Schon am Samstag, dem 1. August, waren in Ulflingen, der Endstation im Norden des Großherzogtums von St. Vith her, einige Kraftwagen erschienen und die Insassen hatten sich an der Eisenbahn und am Telegrafen zu schaffen gemacht, waren aber zurückgefahren. In der Nacht erschienen weitere Kraftwagen in Wasserbillig an der Mosel auf luxemburgischem Gebiet." Ein wackerer Gendarmeriewachtmeister stellte sich allein den Deutschen entgegen und machte sie auf die Grenzverletzung aufmerksam. Er wurde gefangen genommen, später aber wieder freigelassen.

Inzwischen waren die luxemburgischen Behörden alarmiert worden. Sie entsandten eilig, wie es in der Nachricht heißt, "das schwere Automobil der Gendarmerie", woraus geschlossen werden darf, dass es womöglich das einzige war. Dieses Automobil, gelenkt von einem Gendarmen, sollte die Schlossbrücke sperren und die Deutschen dort aufhalten. Bald stand es einem Fahrzeug mit deutschen Offizieren feindselig am Engpass der Brücke gegenüber. Einer der deutschen Offiziere sprang aus dem Wagen und ging mit gezogener Pistole auf die Luxemburger zu. "Als die deutschen Wagen dort ankamen", schreibt die Merziger Zeitung, "bedrohte ein Offizier den Gendarmen, der das Fahrzeug lenkte, mit dem Revolver und rief dem Fahrer zu: "Beiseite oder Sie fallen!" Die Luxemburger wichen der Gewalt und bis zum nächsten Tag war die Besetzung des Landes abgeschlossen.

Konnte man dem Ausland bessere Propaganda-Trümpfe für die Frage der Kriegsschuld an die Hand geben als zwei Kriegserklärungen und den Einmarsch in Luxemburg , dem nun bald auch der Vorstoß gegen Belgien folgen sollte?

In unserer Region vollzog sich nun der Aufmarsch der 5. deutschen Armee , die unter dem Oberbefehl des deutschen und zugleich preußischen Kronprinzen Wilhelm stand. Obwohl über den Truppenaufmarsch nichts von militärischer Bedeutung berichtet werden durfte, war einer Meldung der Merziger Zeitung vom 4. August 1914 zufolge Kronprinz Wilhelm höchstpersönlich tags zuvor in Saarbrücken eingetroffen und hatte im Kreisständehaus Absteigequartier genommen. Zur Armee des Kronprinzen zählte auch das bereits erwähnte XVI. Armeekorps, zu dessen Kommandobereich die Kreise Merzig, Saarlouis und Saarburg gehörten.

Das XXI. Armeekorps mit Sitz in Saarbrücken, zu dem u. a. die Kreise Saarbrücken, Ottweiler und St. Wendel gehörten, war dagegen Teil der 6. Armee . Diese Armee stand unter dem Oberbefehl des bayerischen Kronprinzen Rupprecht. Sie hatte den Auftrag, zusammen mit der 7. Armee Angriffe der Franzosen auf das Elsass und das südliche Lothringen abzuwehren und französische Kräfte zu binden.

Der deutsche Aufmarsch vollzog sich hier in unserer Region im Westen mit der Präzision eines Uhrwerks. Der Transport der Truppen in die Aufmarsch- und Bereitstellungsräume an der französischen Grenze erfolgte dabei in erster Linie über die Bahnstrecken, wobei allein das In-Marsch-Setzen der Truppen zur Westfront mehr als 20 000 Zugtransporte erforderte. Für die Beförderung eines einzigen Armeekorps mit insgesamt ca. 40 000 Mann und dazu mehr als 20 000 Pferden wurden nicht weniger als 140 Züge benötigt. Der zivile Verkehr und auch das normale Wirtschaftsleben kamen dadurch fast vollständig zum Erliegen. Auf diesen Aspekt soll an späterer Stelle noch ausführlich eingegangen werden.

Mit Soldaten besetzte Truppentransportzüge passierten auch die Bahnstation in Merzig. Da von den Militärbehörden eine Nachrichtensperre verhängt worden war, kursierte eine Vielzahl von Gerüchten über die bisherigen Kriegsereignisse. Die Merziger Zeitung notierte am 4. August: "Der Krieg hat begonnen und von der deutschen Ostgrenze werden die ersten Zusammenstöße zwischen unseren Vorposten und den Kosaken gemeldet. Auch unsere Flotte ist schon tätig geworden und hat mit Erfolg den halbverlassenen Kriegshafen Liebau beschossen. … An unserer Westgrenze haben sich schon viele Franzosen gezeigt. Doch sind alle die vielen wilden Gerüchte über Zusammenstöße unzutreffend oder übertrieben."

Ungeachtet dessen muss unsere Region allerdings bereits am 3. August, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Frankreich , gegen Mittag erste Eindrücke vom Kriegsgeschehen zu spüren bekommen haben. Jedenfalls meldete die Merziger Zeitung am 4. August auch Folgendes: "Merzig, 3. August, mittags 12 Uhr. Von Westen her hört man Kanonendonner. Wie ein Privattelegramm besagt, haben die 135er bei Fentsch (Diedenhofen) eine französische Division zurückgeschlagen.”

"Auch der verflossene Tag zeigte im Großen und Ganzen das Bild des vorhergehenden”, notierte die Merziger Zeitung am 6. August 1914. "Es hat den Anschein, dass jedermann, soweit er nicht dem Ruf seines Königs folgen muss, seine gewohnte Beschäftigung wieder aufnimmt, so gut es eben möglich ist. Allenthalben werden die Ereignisse der letzten Tage besprochen. Selbst die tollsten Gerüchte finden, wie das ja leicht zu erklären ist, Glauben und im Anschluss daran versucht jeder mehr oder minder, die Ereignisse vom kommenden Tage vorauszusagen. Man möchte bald glauben, das Volk finge an, nervös zu werden, wenn man nur den zehnten Teil von dem glauben sollte, was da alles in den letzten Tagen verbreitet worden ist. So sei denn noch einmal daran erinnert, dass nur wenig von dem, was auf der Grenze oder sonst im Lande vor sich geht, an die Öffentlichkeit kommt. Daher muss auch ein jeder all den herumschwirrenden Gerüchten ein berechtigtes Misstrauen entgegenbringen und sich lieber den Aufgaben zuwenden, die die gegenwärtige Stunde erfordert.”

Man kann an dieser Stelle festhalten, dass alle kriegsbeteiligten Mächte mit klaren Plänen für ihre Aufmärsche und Offensiven in den Krieg eingetreten waren. Allerdings waren die Vorgaben der Planungen nirgendwo so präzise und detailliert wie bei den Deutschen. Der Stratege des deutschen Aufmarsch- und Angriffsplanes Alfred Graf von Schlieffen, auf den sich die Heeresleitung berief, war bestrebt, Feldzüge mit der Vorhersehbarkeit und Genauigkeit preußischer Eisenbahnfahrpläne zu führen. Dass Unerwartetes eintrat, war dabei nicht vorgesehen.

Wenn allerdings im Vorhinein festgelegt wurde, bis wohin das deutsche Heer am 40. Tag nach der Mobilmachung vorgestoßen sein sollte, konnte es durch Zufälle schnell aus dem Takt gebracht werden. Schlieffens Kriegsplanung, das "Geheimnis des Sieges", wie man im Generalstab ehrfürchtig dazu sagte, ist nicht zuletzt an ihrer Inflexibilität gescheitert. Zwar folgten die deutschen Truppen mit einer in der Kriegsgeschichte wohl einmaligen Präzision den Vorgaben des Aufmarschplans und standen am 40. Tag nach der Mobilmachung tatsächlich in den Räumen, die Schlieffen für dieses Datum vorgesehen hatte. Die militärische Führung ignorierte dafür aber das Nachschubproblem, sodass die Truppen ihre Ziele in einem Zustand physischer Erschöpfung erreichten, und sie verkannte die Bedeutung der öffentlichen Meinung, die sich international gegen die Deutschen kehrte, als sie in Belgien mit großer Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Gerade auf diesen letzten Aspekt, der in gewissem Sinn auch für den Vormarsch der deutschen Truppen in Frankreich und hier insbesondere in Lothringen gilt, soll an späterer Stelle noch ausführlich eingegangen werden.

Erste Kämpfe im Westen

In der Frühe des 4. August 1914 stießen deutsche Verbände auf das Staatsgebiet des neutralen Belgien vor. Die deutsche Führung nahm im Falle des Einmarsches in Belgien in Kauf, dass dies unweigerlich die Kriegserklärung Großbritanniens, das als Garantiemacht der belgischen Neutralität zum Eingreifen verpflichtet war, nach sich ziehen musste. Am Tag des deutschen Einmarsches in Belgien erging daraufhin ein britisches Ultimatum an das Deutsche Reich, in dem der sofortige Rückzug der deutschen Truppen aus Belgien verlangt wurde. Nachdem die deutsche Seite keine Anstalten machte, dieses Ultimatum zu erfüllen, erfolgte um Mitternacht die britische Kriegserklärung an Deutschland .

"Auch England hat uns den Krieg erklärt!”, lautete daraufhin die Schlagzeile der Merziger Zeitung am 6. August 1914, wobei das Blatt seinen Lesern weiter mitteilte: "Mit der Kriegserklärung Englands an Deutschland kompliziert sich die Lage in unerhörter Weise. Man kann sagen, dass der gefürchtete Weltkrieg nun wirklich da ist. Was wird die Folge dieses Eingreifen Englands, über das noch nähere Aufklärung fehlt, sein? - England wird in der Lage sein, unseren Handel lahmzulegen und uns die Zufuhr zur See im Atlantischen Ozean abzuschneiden. Das wird von uns sicher peinlich empfunden werden, aber wenn es wahr ist, dass Deutschland auf 20 Monate hinaus mit Lebensmitteln eingedeckt ist, dann braucht man sich zunächst nicht allzu sehr aufzuregen. England wird zwar unsere Häfen blockieren, aber im Übrigen wird es uns nicht allzu wehe tun. Sein Söldnerheer kommt als Helfer Frankreichs nicht infrage, unsere Flotte liegt geschützt in den Häfen von Kiel und Wilhelmshaven und es ist kaum zu befürchten, dass man sie in Grund und Boden schießen lassen wird. Im Übrigen aber wird sie Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren, und man darf gespannt sein, was im eventuellen Seekampf unsere Zeppeline und Flieger zu sagen haben werden.”

Optimismus, wie in der zuvor zitierten Meldung, kommt auch in der folgenden Notiz der Merziger Zeitung vom 6. August 1914 zum Ausdruck, wenn es heißt: "Die Wegner'sche Ehrenpforte am Bahnhof, welche zu Ehren dreier großartiger Feste erbaut und bewundert wurde (Turn- und Sportfest auf der Wiese, Bundessingen und Gardefest im Kaisergarten), ist gestern abgebrochen worden. Vielleicht kann sie später als Triumphpforte für unsere heimkehrenden Sieger dienen. Möge dieser Freudenmoment nicht zu lange auf sich warten lassen. Bei den modernen Schnellfeuerwaffen und den enormen täglichen Kosten kann von einem langwierigen Krieg kaum die Rede sein. Doch komme es, wie es wolle, der Zar kann nie und nimmer verantworten, dass er schuld an dem ausgebrochenen Weltkrieg ist; er, der Herrscher aller Reußen, hätte denselben mit einem Wort aufhalten können."

Die zuvor geäußerte Ansicht, das britische "Söldnerheer" komme als "Helfer Frankreichs" nicht infrage, erwies sich schlichtweg als falsch. Zwar gab es zu Beginn des Krieges in Großbritannien als einzige der europäischen Großmächte keine Wehrpflicht. Anfang August umfasste die reguläre britische Streitmacht daher nur rund 248 000 Soldaten. Davon war die Hälfte in den Kolonien stationiert. Bei Kriegsbeginn konnte Großbritannien deshalb zunächst nicht mehr als 80 000 Mann in Form eines Expeditionskorps nach Frankreich zur Unterstützung der französischen Streitkräfte entsenden. Das deutsche Heer hingegen verfügte im Westen bei Kriegsbeginn über 2 Millionen Mann. Dies veranlasste die britische Regierung zur Rekrutierung einer freiwilligen Massenarmee. Allein im August 1914 eilten daraufhin rund 299 000 Mann zu den Fahnen, im September waren es 463 000. Bis Dezember 1915 sollte die britische Truppenstärke um 2,5 Millionen neuer Rekruten anwachsen. Der Vorstoß der deutschen Truppen auf belgisches Gebiet zielte zunächst auf Lüttich. Die Stadt mit ihrem aus 12 Forts bestehenden Festungsgürtel galt allgemein zu diesem Zeitpunkt als die gewaltigste Festungsanlage ganz Europas. < Wird fortgesetzt.