Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Bundskanzler

Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Kanzler : Willy Brandt – der Versöhner

Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt erster SPD-Kanzler der Bundesrepublik. Als erster Bundeskanzler fuhr er in die DDR und nach Israel. Die deutsche Schuld bekennend kniete er in Warschau.

Ausgerechnet Willy Brandt. Da kniet ein deutscher Kanzler 1970 vor dem Warschauer Ghetto-Ehrenmal, und dabei war er weder Nazi noch Deutscher, als Deutsche im September 1939 Polen überfielen, das Warschauer Ghetto errichteten, die Bewohner des Ghettos nach Treblinka deportierten oder gleich vor Ort erschossen. Die Nazis hatten Brandt die Staatsbürgerschaft im Jahr 1938 entzogen.

Am 21. Oktober 1969, vor 50 Jahren, begann die Kanzlerschaft von Willy Brandt. Sie dauerte nur viereinhalb Jahre. 1913 als Herbert Frahm geboren, lässt sich der 19-Jährige kurz nach der „Machtergreifung“ unter dem Decknamen Willy Brandt auf einem Fischerboot nach Dänemark bringen. Vom norwegischen Exil aus koordiniert er den Widerstand von Sozialisten und Sozialdemokraten, als Journalist schreibt er gegen die Nazis an. 1946 kehrt er nach Deutschland zurück.

Ein Jahr nach seiner Wiedereinbürgerung im Jahr 1948 zieht er in den ersten Bundestag ein. 1957 wird er Regierender Bürgermeister von Berlin. Den Mauerbau nennt er „den bisher schwärzesten Tag“ seiner Amtszeit. 1966 wird Brandt Außenminister in der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger. Drei Jahre später schwört Brandt den Amtseid auf die Verfassung.

„Wir wollen mehr Demokratie wagen“, verkündet er in seiner ersten Rede als Kanzler. Der Satz wird berühmt. Das wichtigste und auch kontroverseste Wort aber lautet: DDR. Unter seinen Vorgängern meist als „Zone“ in allen Variationen bezeichnet, nennt Brandt die DDR beim Namen. Ein halbes Jahr später fährt er mit der Bahn nach Erfurt – und wird von Tausenden bejubelt.

Im Dezember 1970 besucht Brandt Warschau, um faktisch die Oder-Neiße-Grenze zwischen Polen und Deutschland anzuerkennen. Für viele ein Verrat, nicht nur für Vertriebene, die Schlesien, Ostpreußen, Pommern nicht verloren geben wollen. In Warschau kommt es zu dem Bild, das um die Welt geht: der lange Mantel, der regennasse Stein, der Kniefall. Brandts Versöhnungsreisen finden weltweit Resonanz. Im Dezember 1971 erhält er den Friedensnobelpreis. Fast das ganze Preisgeld spendet Brandt für die Renovierung einer italienischen Synagoge.

Vom Geist der Versöhnung lassen sich zu Hause nicht alle anstecken. Mehrere Abgeordnete der Koalition wechseln aus Frust in die CDU. Die sozialliberale Mehrheit erodiert. Im April 1972 versucht CDU-Chef Rainer Barzel, Brandt mit einem Misstrauensantrag zu stürzen. Zwei Stimmen fehlen am Ende zur Abwahl. Erst Jahre später wird enthüllt, dass die DDR-Stasi mutmaßlich zwei Abgeordnete der Unionsfraktion mit je 50 000 Mark bestochen hatte.

Die stabile Mehrheit im Parlament aber war offenkundig dahin. In vorgezogenen Neuwahlen 1972 triumphiert Brandt jedoch. Zum ersten Mal in der Geschichte holt die SPD mehr Stimmen als die Union.

Und ebenfalls zum ersten Mal in der Geschichte betritt 1973 ein Bundeskanzler israelischen Boden, wenige Monate später auch die Bühne der Vereinten Nationen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Brandt später über den Stasi-Spion Günter Guillaume stürzt. Manch einer hielt Brandt für erpressbar, weil Guillaume als sein persönlicher Referent von seinen Affären wusste. Aber Brandt scheint auch amtsmüde. „In Wirklichkeit war ich kaputt“, schreibt er später.

Anders als Konrad Adenauer züchtet Brandt danach keine Rosen. Sein Garten bleibt die Politik: als Parteichef bis 1987, als Mitglied des Bundestags bis zu seinem Tod 1992. Als SPD-Chef ist er für Kanzler Helmut Schmidt nicht immer eine Stütze. Schmidt trommelt für den Nato-Doppelbeschluss, Brandt wirbt für eine Annäherung an die teils pazifistischen Grünen. An die Deutsche Einheit glaubt Brandt Ende der 1980er Jahre erst, als sie abzusehen ist. Den ersten Bundestag des vereinten Deutschlands eröffnet er als Alterspräsident. Ein Jahr vor seinem Tod stellt er einen Antrag, den Regierungssitz nach Berlin zu verlegen – wohl auch deshalb, wie er es schon in den 1950ern formulierte, damit „zusammenwächst, was zusammengehört“.

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