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Der Kampf gegen Hunger entzweit die Koalition

Der Kampf gegen Hunger entzweit die Koalition

Berlin. Die Bilder von den Hungerrevolten in Haiti, Bangladesch, Ägypten und Kamerun haben die Welt aufgeschreckt: Über 33 Länder sind von der Nahrungsmittelknappheit inzwischen betroffen oder bedroht, warnen Experten der Weltbank

Berlin. Die Bilder von den Hungerrevolten in Haiti, Bangladesch, Ägypten und Kamerun haben die Welt aufgeschreckt: Über 33 Länder sind von der Nahrungsmittelknappheit inzwischen betroffen oder bedroht, warnen Experten der Weltbank. Während jedoch die Weltgemeinschaft fieberhaft nach Wegen aus der Ernährungskrise sucht, streitet die Bundesregierung heftig über die Ursachen und ringt um eine gemeinsame Haltung, wie man das Problem bewältigen könnte. Die Zeit drängt: Kanzlerin Angela Merkel hat das Thema zur Chefsache erklärt und will international damit glänzen.Vor gut einer Woche traf sich unter Leitung von Kanzleramtsminister Thomas de Maizière erstmals eine hochrangig besetzte Arbeitsgruppe aus den wichtigsten Ministerien, die eine einheitliche Position und den deutschen Beitrag zur Bewältigung der Krise erarbeiten soll. Doch schon bei der Analyse der Ursachen der Nahrungsmittelknappheit offenbarte sich, dass insbesondere das Landwirtschaftsministerium von Horst Seehofer (CSU) und das Entwicklungshilfeministerium von Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) über Kreuz liegen. Einig ist man sich nur über die Folgen der Preisexplosion: "In wenigen Jahren wird es einen Kampf um Nahrungsmittel geben. Das können sich viele heute noch gar nicht vorstellen", so Seehofer. Und Wieczorek-Zeul warnt, dass die Krise " die Stabilität und den Frieden in vielen Ländern der Welt gefährden" könnte. Das war es dann aber schon an Gemeinsamkeiten. Denn: Nicht die Biokraftstoffe sind die Ursache für den Preisanstieg, sondern die gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln aufgrund des weltweiten Bevölkerungswachstums. Hinzu komme die Änderung der Verzehrsgewohnheiten in den Schwellenländern, heißt es in einem internen Papier des Agrarressorts für die Arbeitsgruppe. Der Anbau von Biodiesel und Bioethanol auf 1,9 Prozent der Weltackerfläche reiche demnach bei weitem nicht aus, um den starken Preisanstieg bei den meisten Agrar-Erzeugnissen zu erklären. Wichtig sei daher vor allem eine Kurswechsel in der Entwicklungshilfe. Eine Position, mit der sich auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) anfreunden kann. Dass Lebensmittel auch deshalb fehlen, weil an ihrer Stelle Pflanzen für Bioenergie angebaut werden, passt nicht in sein Konzept: Gabriel fürchtet um seine Klimastrategie, in der Biomasse eine erhebliche Rolle spielt. Das Entwicklungshilfeministerium hält dagegen: Die Konkurrenz zwischen der Lebensmittelproduktion und der Erzeugung von Biomasse für die Gewinnung von Agrarenergie sei einer der stärksten Preistreiber auf den Weltagrarmärkten. Wieczorek-Zeul plädiert deshalb dafür, den Einsatz von Getreide und Ölfrüchten für die Biokraftstoffproduktion vorübergehend auszusetzen. "Das Recht auf Nahrung wiegt schwerer als das Recht auf Mobilität", heißt es von ihr.Kein Minister will also verantwortlich sein und Interessen aufgeben. Das Hickhack könnte am Ende peinlich für die Regierung und die Kanzlerin werden. Merkel will beim G-8-Gipfel vom 7. bis 9. Juli in Japan eine gemeinsame Position ihrer Regierung vorweisen können, weil beim Treffen der Staats- und Regierungschefs die globale Ernährungssituation eines der beherrschenden Themen sein soll. Mitte Mai will die Arbeitsgruppe einen weiteren Versuch unternehmen, sich auf eine gemeinsame Linie zu verständigen. Nach einem Erfolg sieht es nicht aus.