Kino-Interview: Von Schuld, Gerechtigkeit und Rache

Kino-Interview : Von Schuld, Gerechtigkeit und Rache

Der Regisseur Yorgos Lanthimos über seinen Film „The Killing of a Sacred Deer”, der in Saarbrücken läuft.

Yorgos Lanthimos (44) begann seine Regie-Karriere mit Werbefilmen und Musikvideos. 2004 gehörte er zum Team, das die Eröffnungs- und Abschlussfeier der Olympischen Spiele in seiner Heimat Athen entwarf. Mit „Dogtooth“ gelang dem Griechen 2009 der Durchbruch. Mit „Lobster“ (2015) holte Lanthimos den Europäischen Filmpreis. Sein jüngster Film, der schaurig-schöne Psychothriller  „The Killing of a Sacred Deer“, erzählt von einem erfolgreichen Ärztepaar (Colin Farrell, Nicole Kidman) und dem Teenager Martin (Barry Keoghan), der sie in eine mörderische Geschichte um Rache, Schuld und Sühne hineinzieht.

Herr Lanthimos, die Dialoge Ihres Films wirken auffallend künstlich. Was steckt dahinter?

LANTHIMOS Das würde ich so gar nicht sehen. Unsere Dialoge könnten durchaus in dieser Form im wirklichen Leben stattfinden. Aber wenn man Texte gestalterisch für einen Film zusammenfügt, scheinen sie bisweilen anders zu klingen als in der Realität. Ich hatte jedenfalls nicht die Absicht, die Dialoge bewusst künstlich ausfallen zu lassen, um damit eine Distanz zu schaffen.

Sie wollen also nicht das Publikum verunsichern?

LANTHIMOS Das war nie mein Plan. Für mich und meinen Ko-Autor Efthymis Filippou beginnt ein Projekt immer mit der Frage, was uns interessiert. Dann suchen wir nach Geschichten und Konflikten, die sich daraus ergeben könnten. Ich finde es spannend, menschliches Verhalten zu hinterfragen. Wobei ich dem Publikum ausreichend Raum lassen möchte, die aufgeworfenen Debatten selbst fortzuführen. Ich stelle nur Fragen.

Was war der Auslöser für diese Geschichte?

LANTHIMOS Unsere erste Idee war es, dass ein Junge die Kontrolle über einen erfolgreichen, gebildeten und selbstbewussten Erwachsenen übernimmt. Der Teenager findet einen Weg, das Leben seines Opfers vollständig zu verändern. Es geht um Schuld, Gerechtigkeit und Rache.

Können Sie sich vorstellen, ähnliche Rache-Fantasien zu entwickeln, wenn ein nahe stehender Mensch zu großem Schaden käme?

LANTHIMOS Das kann ich nicht sagen. Ich habe ja auch keine Antworten, wenn ich solche Geschichten entwickele. Und meine persönliche Meinung ist völlig unwichtig.

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Was hat es mit dem Titel Ihres Filmes auf sich?

LANTHIMOS Die Titel unserer Filme haben nie eine eindeutige Bedeutung. Auch hier ist er eher eine Assoziation. In der „Iphigenie“-Tragödie wird zu Beginn der heilige Hirsch eines Gottes getötet, was schließlich die ganze Geschichte auslöst. Ich finde, das passt assoziativ recht gut zu einem Film, der ebenfalls von Opfer und Tod handelt.

Welche Rolle spielt der Humor?

LANTHIMOS Ohne Humor kann man solch eine Geschichte gar nicht erzählen. Ohnehin habe ich eine prinzipielle Abneigung gegen alles, was sich selbst zu ernst nimmt – insbesondere Filme. Man muss über sich selbst und seine Arbeit lachen können, erst dadurch wird die Lächerlichkeit bestimmter Situationen sichtbar. Genau dieser Abstand ist notwendig, um den richtigen Blick auf die Dinge zu bekommen.

Was macht mehr Vergnügen bei der kreativen Arbeit? Das Schreiben oder das Inszenieren?

LANTHIMOS Offen gestanden – gar nichts. Alles ist mit viel Stress und Quälerei verbunden. Lediglich ganz zu Beginn eines Projektes gibt es jenen Moment, wo man glaubt, eine gute Idee zu haben. Da hofft man, dass es großartig wird. Dann beginnt man mit dem Dreh und stellt fest, dass man längst nicht soviel Geld und Zeit zur Verfügung hat, wie man dachte. Egal, ob das Budget größer wird, es reicht nie aus.

War die Arbeit bei Ihren ersten Filmen da vergnüglicher?

LANTHIMOS Meine ersten Filmen in Griechenland habe ich mit nur fünf Freunden gedreht. Wir haben nicht viel gebraucht. Wir hatten alle Freiheiten das zu tun, was wir wollten. In einer professionellen Struktur sieht das anders aus. Klar, man hat mehr Geld. Aber nun sieht das Team die Arbeit vor allem als Job. Und mehr als vertraglich vereinbart, mag keiner leisten. Das schränkt die Flexibilität schon spürbar ein.

Sie stehen bei Festivals regelmäßig auf dem Siegertreppchen. Welche Rolle spielen Preise für Sie?

LANTHIMOS Ich bin mir bewusst, dass solche Entscheidungen von einer Handvoll Leuten in einer Jury getroffen wird. Ob man deren Geschmack getroffen hat, bleibt Glücksache. Insofern sind Preise kein Gradmesser für Qualität. Aber sie verschaffen einem Film mehr Aufmerksamkeit und helfen mir, mein nächstes Projekt zu realisieren. Preise sind also wichtig – aber ich nehme sie nicht allzu ernst.

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