Nun geht es wieder um die Goldene Palme

Nun geht es wieder um die Goldene Palme

Heute beginnt in Cannes das größte Filmfestival der Welt. Erstmals konkurrieren auch Serien.

Zum 70. Jubiläum begeht Cannes so etwas wie einen Regelbruch. Bislang gehörte es allein dem Kino. TV-Serien und Produktionen von Streaming-Diensten? Die hatten trotz des Booms keinen Platz. Nun fällt auch diese Bastion: Erstmals laufen nicht nur Produktionen des Streaming-Anbieters Netflix sogar im Wettbewerb. Im Sonderprogramm zum Geburtstag werden auch gleich Folgen zweier Serien gezeigt: Jane Campion ("Das Piano") stellt die zweite Staffel ihrer eigenwilligen Krimigeschichte "Top of the Lake" vor. Mit Spannung wird zudem der Auftakt der dritten Staffel von "Twin Peaks" erwartet, mit der David Lynch nach 27 Jahren in den düsteren Kleinstadtkosmos seines bahnbrechenden Fernsehwerks zurückkehrt.

Bei Campion und Lynch handelt es sich um alte Cannes-Bekannte, die dem Festival seit langem verbunden sind. Beide haben bereits die Goldene Palme gewonnen. Außerdem versteht Lynch das neue "Twin Peaks" eher als einen 18-teiligen Film.

Viele deutsche Filmemacher sind dieses Mal vertreten. Maren Ade, die 2016 Cannes mit "Toni Erdmann" eroberte, ist in doppelter Funktion vor Ort: Sie hat nicht nur Valeska Griesebachs "Western" produziert, der für die Nebensektion "Un Certain Regard" ausgewählt wurde. Sie sitzt auch in der eigenwillig zusammengestellten Jury.

Unter Vorsitz des spanischen Melodrama-Meisters Pedro Almodóvar entscheidet sie unter anderem mit Will Smith und Paolo Sorrentino ("The Young Pope") über die Vergabe der Goldenen Palme mit, um die diesmal 19 Beiträge konkurrieren - einer davon ebenfalls aus Deutschland: Fatih Akins Thriller "Aus dem Nichts" mit Diane Kruger.

Akins Beitrag ist nur einer von zahlreichen Filmen zu politischen Themen. Es geht um Krieg, Flüchtlingsschicksale, Umweltschutz: von der Fortsetzung von Al Gores Klimawandel-Doku "An Inconvenient Truth" bis zu Vanessa Redgraves spätem Regiedebüt mit "Sea Sorrow", in dem sie die Flüchtlingskrise in einen historischen Kontext rückt. Auch Michael Haneke streift im Wettbewerb mit "Happy End" letztere Thematik und könnte damit nach "Das weiße Band" und "Liebe" als erster Regisseur zum dritten Mal eine Goldene Palme gewinnen.

  • Regisseurin Jane Campion leitet Jury in Cannes
  • Schweinereien im Fleischgeschäft
  • Cannes-Wettbewerb: Godard, Cronenberg, Loach und Leigh

Anders als im vergangenen Jahr sind kaum Altmeister aus Hanekes Generation vertreten, es dominieren jüngere, Cannes-erfahrene Autorenfilmer: François Ozon ebenso wie Lynne Ramsay oder der in Deutschland lebende Ukrainer Sergei Losniza. Todd Haynes hat nach "Carol" nun "Wonderstruck" mit Julianne Moore gedreht - wieder einen Kostümfilm, der in den 1920ern spielt. Nachdem Michael Hazanavicius für seinen Stummfilm "The Artist" gefeiert und für sein Tschetschenien-Drama "The Search" verrissen wurde, kehrt er mit "Le Redoutable" über die Nouvelle-Vague-Autorengröße Jean-Luc Godard zurück.

Dass die großen Hollywood-Studios im Programm diesmal durch Abwesenheit glänzen, heißt nicht, dass die Star-Dichte geringer wäre. Eröffnet wird Cannes Nummer 70 mit Arnaud Desplechins "Ismael's Ghosts", der mit Charlotte Gainsbourg und Marion Cotillard zwei französische Schauspielstars auf den roten Teppich bringen wird. Nicole Kidman ist gleich vierfach vertreten, unter anderem neben Colin Farrell in "The Killing of a Sacred Deer" von Yorgos Lanthimos ("The Lobster").

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