Die liebe Familie und die böse Welt

Die liebe Familie und die böse Welt

Festival von Cannes: Neues vom zweimaligen Palmen-Gewinner Michael Haneke und Bittersüßes mit Dustin Hoffman.

Das Leben in einer von der Realität abgekoppelten Blase - das ist das Thema von Michael Hanekes Drama "Happy End". Mit einem exzellenten Ensemble, darunter Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant, porträtiert er einen bourgoisen Unternehmer-Familien-Clan. Fast schon zu beiläufig und mit vielen Auslassungen ergründet der österreichische Filmemacher Dramen und Abgründe, Trauer und sexuelle Obsessionen. Dass der Schauplatz Calais 2016 ist und in der Nähe dieses saturierten Bürgerkosmos' die Auswirkungen der Flüchtlingskrise unmittelbar spürbar sein müssten, blendet Haneke meist aus. Im Hinterkopf hat man sie aber doch ständig, die Bilder des berüchtigten Flüchtlingslagers, was dem Film noch einen Kommentar zum abgegrenzten Leben in dieser Welt hinzufügt. Dabei besitzt der Film nicht die Strenge und Härte anderer Werke Hanekes. Aber selbst dieses vermeintlich milde Werk wirkt nach.

Wie bei Haneke begegnet man im Cannes-Wettbewerb zuletzt einigen, auf unterschiedliche Weise dysfunktionalen Familien. In der übersinnlichen Rachegeschichte "The Killing of a Sacred Dear" muss Colin Farrell als Arzt nach dem OP-Tod eines Patienten eine Entscheidung treffen, die das Leben seiner Frau (Nicole Kidman) und seiner Kinder bedroht. Wie in der Dating-Groteske "The Lobster" zeigt Regisseur Yorgos Lanthimos zwar auch hier, dass er abseitigen Humor beherrscht - der Film hat aber mehr Atmosphäre als Substanz.

Die Familie in Noah Baumbachs "The Meyerowitz Stories" war dagegen ausgesucht harmlos - sie brachte aber ungewohnten Besuch nach Cannes. Mit Adam Sandler und Ben Stiller kamen zwei Hollywood-Gesichter, die man sonst schließlich eher aus albernen Persiflagen und slapstickartigen Kindskopfkomödien kennt. Nun sind sie mit Dustin Hoffman und Emma Thompson Teil einer hochkarätigen Besetzung, um die herum Baumbach ein Ensemblestück und Porträt einer New Yorker Künstlerfamilie entwirft, das um Fragen von Erfolg und Scheitern kreist.

Sie alle streiten sich manchmal, sie lecken alte Wunden, rivalisieren miteinander und zwischendurch setzt sich Sandler, dem diese ernstere Rolle wieder sehr gut steht, ans Klavier und singt. Das ist ein wenig komisch, aber meist eher schmunzelig. Etwas dramatisch, aber nie schmerzhaft emotional. Irgendwie gut und voll mit großen Namen, aber letztlich nicht richtig aufregend - im Grunde so wie dieser Cannes-Jubiläumsjahrgang bislang auch.

Mehr von Saarbrücker Zeitung