Von Null auf Chefin

Die Deutsche Radio Philharmonie (DRP) startet wieder zu einer Tournee – einmal mehr nach Südkorea. Diesmal wird Shiyeon Sung (41) am Pult stehen. Sung, die an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin Dirigieren studierte, Assistentin vom James Levine beim Boston Symphony Orchestra war und mittlerweile Chefin des Gyeonggi Philharmonic Orchestra in ihrer südkoreanischen Heimat ist, gilt als eine der interessantesten jungen Dirigentinnen. Vor dem Abflug nach Südkorea präsentiert die DRP bereits in Teilen ihr Programm am 16. September im Studiokonzert auf dem Halberg. SZ-Redakteur Oliver Schwambach sprach mit Shiyeon Sung.

Sie haben mal Wilhelm Furtwängler als großes Vorbild genannt, den Meister der langsamen Tempi. Warum gerade er?

Sung: Ich war von seiner Persönlichkeit so fasziniert, von seinem Wollen, das er auf das Orchester übertragen konnte. Er kam mir vor wie 120 Prozent Energie.

Es war also die Persönlichkeit, die Sie in einem Video so einnahm, nicht seine musikalische Auffassung?

Sung: Natürlich war er auch ein herausragender Dirigent, aber mehr als das Musikalische war es tatsächlich der Mensch, den ich da in diesem Video gesehen habe.

Sie haben zunächst eine Klavierausbildung gemacht. Was brachte dann den Schwenk zum Dirigieren?

Sung: Den Umschwung brachte tatsächlich das Video mit Furtwängler. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was dirigieren bedeutet. Aber ich wollte es unbedingt. Und dann habe ich es irgendwie von Null an geschafft, eine Aufnahmeprüfung zu bestehen. Ich wusste nicht mal, wie man eine Partitur liest.

Empfinden Sie Deutschland noch als das Land Bachs, Beethovens und Brahms? Gehen wir mit dieser großen Musiktradition angemessen um?

Sung: Sicher hat sich das Kulturleben verändert; junge Menschen haben heute eine andere Beziehung zur Klassik. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man viele Aktionen macht, um junge Leute für diese Musik zu interessieren. Aber als ich zum Studieren nach Deutschland kam, war das keine Enttäuschung für mich. In Berlin gibt es beispielsweise so viele Konzerte. Und geht man an irgendeiner kleinen Kirche vorbei, spielt man darin Musik. Das hat mich schon sehr beeindruckt.

Mittlerweile werden aber in Asien Konzertsäle gebaut, von denen man in Europa bloß träumen kann, und dort gehen junge Menschen auch zu Tausenden in Klassikkonzerte.

Sung: Das hat damit zu tun, dass viele Eltern eine gute Ausbildung für ihre Kinder wollen, und dazu gehört Musik. Bei uns hört man schon in der Grundschule auch klassische Musik. Kinder sollen etwa raten, welcher Komponist das ist. Das weckt Neugier. Man sieht auch sehr viele Kinder und Jugendliche in den Konzerten. Man kann das sehr gut an den Schuluniformen erkennen.

Wie unterscheidet sich das Publikum generell - in Südkorea und bei uns?

Sung: Es gibt schon große Unterschiede. In meiner Heimat ist das Publikum altersmäßig sehr gemischt, hier sind es vorwiegend ältere Besucher.

Bei uns sitzt man meist sehr ehrfürchtig im Konzert. Wie ist es bei Ihnen?

Sung: Es ist schon herzlicher, man reagiert spontaner. Ich glaube, dass hat auch den Musikern der DRP sehr gut bei ihren früheren Tourneen in Südkorea gefallen.

Haben es Frauen am Pult immer noch schwerer als Männer?

Sung: Vor drei, vier Jahren hatte ich ein bezeichnendes Erlebnis. Da ging es um ein Engagement. Das Orchester ließ mitteilen: Man verpflichte pro Saison nur eine bestimmte Zahl Dirigentinnen, und dieses Kontingent sei ausgeschöpft. Wie eine Quote: neun Männer und eine Frau.

Die musikalische Qualität war also zweitrangig?

Sung: Ja, das ist sehr bedauerlich. Und ich hoffe, dass es besser wird. Andererseits habe ich mich selbst für diesen Beruf entschieden. Da muss ich nun durch.

Hat sich denn mit dem Dirigieren nun ihr Jugendtraum erfüllt?

Sung: Ich finde schon. Aber wenn ich wiedergeboren würde, weiß ich nicht, ob ich es nochmal täte. Denn es bedeutet schon eine große Einsamkeit, wenn man da vorne steht. Vor dem Start zu ihrer Südkorea-Tournee (19. bis 27. September) stellt die DRP Teile ihres Programms bereits in einem Konzert an diesem Freitag, 20 Uhr, im Großen Sendesaal auf dem Halberg vor. Das Konzert ist schon ausverkauft. Fünf Termine stehen dann in Südkorea an, unter anderem in Seoul. Dort ist als Solist auch der Saarbrücker Organist Bernhard Leonardy dabei; er wird Saint-Saëns "Orgelsinfonie" spielen.

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