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Man hat es ja immer geahnt: Im Buchladen kauft man wohliger ein als anderswo

Man hat es ja immer geahnt: Im Buchladen kauft man wohliger ein als anderswo

Nirgendwo ist es beim Einkaufen gemütlicher als in Buchhandlungen. Das besagt zumindest eine Umfrage der Kampagne „Vorsicht Buch!“. Um Buchhandlungen zu fördern, hat das Bundeskulturministerium nun einen Preis ausgelobt – zwei Läden aus dem Saarland sind nominiert.

Die Zukunft des Lesens gehört dem elektronischen Buch, heißt es. Das mag sein, aber in der Gegenwart fühlen sich Frauen, Männer und Halbwüchsige am wohlsten in Buchhandlungen . Das ergab eine Umfrage, die die Kampagne "Vorsicht Buch!" in Auftrag gegeben hat. Dahinter steht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels . Befragt wurden 14- bis über 80-Jährige.

Die Frage war, welche Geschäfte in der Innenstadt die beste Wohlfühl-Atmosphäre vermitteln. Für 74,3 Prozent der Befragten ist es die Buchhandlung, und das mit erheblichem Abstand. Als nächstschönste Geschäfte rangieren der Blumenladen (45,3 Prozent) und die Bekleidungsboutique (45,2 Prozent). Abgeschlagen sind Shopping Malls oder Elektronikverkaufsstätten. Geschäfte, die Mobiltelefone verkaufen, liegen mit 11,3 Prozent gar ganz hinten. Größe und scheinbare Moderne spielen, geht es um Gemütlichkeit, keine Rolle. Selbst die Generation Smartphone, die 14- bis 19-Jährigen, gibt zu 64,6 Prozent an, sich im Buchladen wie zu Hause zu fühlen.

Der Berliner Stadtforscher Hans Herrmann Albers resümiert: "Der Buchhandel ist Raum für Wissen und Bildung, ein aktiver Bestandteil urbaner Nachbarschaft und ein Element der sozialen Infrastruktur. Damit ist er viel mehr als nur Handel - er ist Ort und Treffpunkt für Kiezkultur oder multifunktionaler Anker für eine Region."

Die Kiezkultur blühte etwa bei Hugendubel an der Berliner Tauentzienstraße auf, bis das gutgehende Geschäft wegen Mietwucher des Hausbesitzers den Standort räumen musste. Die Ankerfunktion zeigt sich im nicht dichtbesiedelten Schleswig-Holstein, wo sich 79,9 Prozent der Bevölkerung bei einer Fahrt zum Bummel in einer der Städte auch in die Buchhandlung begeben.

Sie ist auch deshalb so einladend, weil man hier nicht zum Kaufen gedrängt wird wie im Klamottenladen. In aller Ruhe können Besucher an Regalen und mit Büchern belegten Tischen vorbeispazieren, hier und da in einem Buch blättern und es etwas gründlicher sichten auf den Sitzmöbeln, die zum Verweilen einladen.

Das ist überhaupt das unnachahmliche Plus der Buchläden, dass sie nicht nur für den Abverkauf von Gedrucktem, sondern auch für die Muße existieren. In größeren Buchhandlungen gibt es Sitzecken, Kinderabteile mit Bilderbüchern, Papier und Malstiften. Manche haben sogar eine Kaffeebar, an der es auch Tee und andere Getränke gibt, dort stehen echte Blumen auf den Tischen. In der warmen Jahreszeit platziert manche Buchhandlung auch Stühle und Tische vor ihrer Tür. Das gefällt vor allem den 30- bis 39-Jährigen, die hier nebenher auch locker Kontakte zum jeweils anderen Geschlecht aufnehmen. Bücher verbinden.

Mancherorts lassen sich clevere Buchhändler auch noch einiges einfallen: Open-Air-Lesungen und Poetry Slams, eine Kaltwasserwanne für heiße Füße, Sommerlektüre auf Tischchen daneben, Weinverkostungen, Veranstaltungen zu städtischen Themen, Stadtgeschichte und -entwicklung, Architektur oder "Urban Gardening". Der öffentliche Ort wird bereichert durch solche Ereignisse.

Nicht immer aber sehen die Behörden gutmütig zu. In Dortmund etwa wurden Bußgelder verhängt, in Duisburg will die Stadt für zwei Tage Tapeziertisch mit den Lieblingsbüchern der Buchhändler darauf 120 Euro Gebühr. Für jeden Fahrradständer muss kräftig gezahlt werden. Zu den städtischen Restriktionen gehört auch, dass Ideen der Buchhändler vereitelt, pfiffige Vorschläge verworfen werden. So darf in Aachen rund um das Weltkulturerbe keine Buchhandlung Flagge zeigen. Stadtforscher Albers dagegen meint: "Viele Einzelhändler sehen Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe und arbeiten zusammen. Der Buchhandel kann dabei eine tragende Rolle einnehmen." Sein Fazit: "Die Funktion des Buchhandels für die Stadt muss stärker kommuniziert und gängelnde Hürden abgebaut werden."

Auch die Buchhandlung Rote Zora in Merzig, geleitet von Gertrud Selzer (l.) und Ingrid Röder, ist für den Preis nominiert. Foto: Ripplinger / Rote Zora Foto: Ripplinger / Rote Zora

Zum Thema:

HintergrundDie Buchhandlung Rote Zora in Merzig und "der buchladen" in Saarbrücken sind die beiden einzigen saarländischen Läden, die für den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 nominiert sind. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU ) hat den Preis im Februar für unabhängige und inhabergeführte Buchhandlungen ausgelobt. Die Jury hat unter 614 Bewerbungen 108 Buchhandlungen nominiert. Der Preis soll "diesen geistigen Refugien Aufmerksamkeit verschaffen und ihre Bedeutung für unsere Kulturlandschaft unterstreichen", sagte Grütters. Der Preis wird am 17. September 2015 in Frankfurt verliehen, es wird Prämien geben in der Höhe zwischen 25 000, 15 000 und 7000 Euro. red