Heimkehr der Missionare des Blues

Heimkehr der Missionare des Blues

289 Jahre alt sind sie zusammengenommen inzwischen, am Freitag erscheint ihr 23. Album, 55 Jahre nach der Bandgründung: Auf ihrer neuen Platte feiern die Rolling Stones ihre Wurzeln im Blues und klingen so verspielt wie lange nicht.

Es geschah an einem Frühlingstag 1961. Keith Richards, ein von der Mama verzogener Arbeiterjunge ohne Schulabschluss, und Mick Jagger, Spross einer Mittelklassefamilie und Student an der London School of Economics, sahen sich zum ersten Mal auf dem Bahnsteig von Dartfort. Jagger hatte zwei Alben von Chicagoer Blues Labels unterm Arm, Richards war neidisch. Weil die beiden aus unterschiedlichen sozialen Klassen kamen, wäre es üblicherweise nie zum Kontakt gekommen. Doch die 18-Jährigen gerieten auf der Zugfahrt in ein Gespräch, jeder war vom anderen und dessen für den Blues pochendem Herz angetan. Sie taten sich zusammen in der Band Little Boy Blue and the Blue Boys, die ersten Auftritte waren verheißungsvoll. Bald nannten sie sich Rolling Stones, nach einem Muddy-Waters-Song. 1964 landeten sie mit "Little Red Rooster", einem reinen Bluessong, zum ersten Mal auf Platz eins der britischen Charts - eine Weltkarriere begann.

55 Jahre später, Jagger und Richards sind 73 bzw. 72, arbeiten sie am neuen Album. Die Stimmung ist nicht besonders, mit den Stücken kommen sie schwer voran, da hat Keith eine Idee. Zur Auflockerung solle man mal ein paar alte Bluessongs spielen. Schnell ändert sich die Atmosphäre, als Richards "Blue And Lonesome", Little Walters Klassiker, anstimmt. Es ist wie früher. Spontan beschließen die Stones, ein archaisches Blues-Album zu machen. Die Truppe, die viel versucht hat, durch Rock, Punk, Funk, Disco, Reggae und Psychedelia mäanderte, kehrt mit dem Album, das am Freitag herauskommt, zu ihren Ursprüngen zurück.

Jagger hat die Bluesharp, seine alte Mundharmonika, ausgegraben, mit dicken Lippen und heißem Hauch beatmet er sie. Und er, der nie so recht Lust hatte auf ein Instrument, ist gut darauf.

"Blue & Lonesome", das 23. Studioalbum der Rolling Stones, ist ihr erstes, auf dem keine einzige Eigenkomposition zu hören ist. Die zwölf Stücke stammen etwa von Buddy Johnson, Howlin' Wolf, Memphis Slim, Magic Sam, Little Walter und Willie Dixon. Weil Keith Richards Finger schon gichtig sind, hat die Band Eric Clapton um Beistand gebeten, er spielt die Gitarre bei zwei Songs. Es ist das erste Stones-Album seit elf Jahren ("Bigger Bang"), 2017 soll das nächste folgen, das zurückgestellte, mit eigenen Songs.

Die Cover-Nummern wurden weitgehend live eingespielt, die Sessions dauerten drei Tage. Es quietscht und krächzt, die Gitarren sind zeitweise verstimmt, die Stones erscheinen so ungehobelt und dreckig wie in den Sechzigern. Der virile Jagger jault und bellt an der Mundharmonika wie in seinen besten Tagen. Die eindrucksvollsten drei Stücke sind die langsamsten: "Blue & Lonesome", "Little Rain", "I Can't Quit You Baby". Es geht immer noch um Liebe und ihre Verfehlung. Und Jagger heult den Mond an.

Die Stones legen endlich wieder ihre in den letzten Jahren übliche Routine ab und spielen einfach drauflos. Dass sie sich derart ins Zeug legen, hat man lange nicht mehr erlebt; sie klingen so frisch wie in ihren ersten Jahren. Ihre Neuinterpretationen kommen verspielt und sinnlich rüber, allesamt rasante Zwölftakter. Ungeschliffen, roh, aber leidenschaftlich. Eine Hommage an den klassischen Chicago-Blues, der in den 50ern populär wurde. Die Stones haben nie verschwiegen, wem sie ihre entscheidenden Anstöße verdanken. Am Ende einer langen Reise sind sie wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen.

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