Von Dschihadisten und Arbeitslosen

Von Dschihadisten und Arbeitslosen

Fabrice Melquiot erhielt für „Schwanengesänge“ den Primeurs-Autorenpreis. Zwei andere Stücke ragten ebenfalls aus dem Festival heraus: „Dihjad“ von Ismael Saidi und „Jobcenter“ von Enzo Cormann, das formal interessanteste Primeurs-Stück.

In der Publikumsgunst erreichte mit den "Schwanengesängen" von Fabrice Melquiot bei den Primeurs erneut ein Stück, das als Live-Hörspiel aufgeführt wurde, den ersten Platz. Hat SR2-Hörspiel-Chefin Annette Kührmeyer bei der Auswahl einfach ein gutes Händchen? Oder liegt es auch daran, dass die Hörspiele bei dem Festival der frankophonen Dramatik im Vergleich zu den in meist nur drei Tagen Vorbereitung vorgestellten Werkstattinszenierungen ausgereifter, ausinszeniert präsentiert werden?

Zumindest einem der sieben Stücke, die die zehnte Primeurs-Ausgabe vorstellte, hätte man sichere Chancen eingerechnet. "Dihjad" von Ismael Saidi, am Freitag in der Feuerwache in der Einrichtung von Marion Rothaar zu sehen. Das Jugendstück versucht Antworten zu geben auf die brisante aktuelle Frage: Was treibt junge Muslime, die gar nicht besonders religiös sind, dazu, nach Syrien in den islamistischen Krieg zu ziehen? Das Kunststück Saidis besteht darin, es als witzige, pointenreiche Komödie aufzuziehen. Die naiven Tolpatsche Reda, Ben und Ismael (mit Robert Prinzler, Roman Konieczny und Cino David komödiantisch ideal besetzt) ziehen in diesem Stationdrama nach Syrien aus, um dort das Fürchten zu lernen. In Form von Streitereien unter Freunden an verschiedenen Wegetappen bis zum Tod an der Front entwickelt Saidi, selbst gläubiger Muslim, geschickt eine Fülle von Themen, die Ansatzpunkte bieten, um hinterher zu diskutieren. Theater als pädagogische Anstalt? Ja, aber unterhaltsam gemacht.

Auch Olivier Sylvestres Stück "Das Gesetz der Schwerkraft" hat einen pädagogischen Auftrag: Es will Mut machen, seine Identität zu finden und sich nicht von Geschlechter-Rollenzwängen beugen zu lassen. Doch wie zwei Jungs, von denen der eine biologisch ein Mädchen ist und der andere, der sich gern schminkt, zu sich und einer Freundschaft finden, wird hier in einer diffus bleibenden Quebecer Vorstadt-Öde zu kompliziert und quälend erzählt. Auch in "Die Seen aufbrechen" des Quebecer Steve Gagnon bleibt zu vieles diffus. Absichtlich lässt uns Gagnon lange vergeblich grübeln, warum sich die Frauen und Männer einer kleinen Provinzgemeinde ständig anschreien und beschimpfen, worin die Gründe ihrer Konflikte und welche (verwandtschaftlichen) Beziehungen bestehen. Die "Seelenlandschaften", die er nach Aussagen des Inszenierungs- und Übersetzer-Teams in den Vordergrund rücken will, erschließen sich allen poetischen Bemühens zum Trotz nicht.

In "Ein guter Mensch" von Fanny Britt (Quebec) quält sich der Protagonist, gibt als Ich-Erzähler breiten Einblick in seine Seele. Ein Junge fällt, weil der private Rettungsdienst zu spät kommt, ins Koma. Der Jugendfreund des Vaters soll als Rechtsanwalt im bevorstehenden Prozess ausgerechnet den Rettungsdienst vertreten. Die Kritik an der Privatisierung ist jedoch nur ein Nebenaspekt. Im Zentrum steht das psychische Strampeln des Anwalts beim Versuch, es der Mutter und den befreundeten Eltern moralisch recht zu machen. Roman Konieczny trifft in dieser etwas angestrengten Komödie, die sich zu einer Showdown-Fantasie zuspitzt, in der Rolle des Anwalts immer den richtigen Ton.

In "Jobcenter" des Franzosen Enzo Cormann ist der Showdown die Ausgangssituation: Der politischste Text des Festivals schildert zugespitzt, wie sich ein Arbeitsloser ob seiner Auslöschung aus dem Arbeitsamtsregister in die Enge getrieben fühlt. "Jobcenter" war auch das formal interessanteste Primeurs-Stück, nicht nur wegen seiner Inszenierung unter Einbeziehung comicartiger Geräuschen. Die Verschmelzung von inneren Fantasien und äußerer Realität - hier macht sie genau die Qualität aus. Auch dank der Kooperation des Festivals mit einigen Uni-Seminaren waren die zehnten Primeurs durchweg gut besucht. Für die SST-Dramaturgen waren sie wegen des Intendantenwechsels die letzten. Ein wenig nach Schwanengesang war Chefdramaturgin Ursula Thinnes beim Schlusswort deshalb wohl auch zumute.Eigentlich sollte er nur das Wohnzimmer neu streichen. Doch am nächsten Morgen wacht der 29-jährige Maler Bogdan im Bett seiner Kundin auf. Das Brisante: Sie ist 70 Jahre alt. Ihre Karriere als gefeierte Operndiva liegt bereits Jahrzehnte zurück. Die Bühne hat Anna Solari gegen eine kleine Pariser Wohnung getauscht, in der sie ihre Stimmbandpolypen hegt und ihre Altersflecken zählt - wenn nicht gerade ihr Ex-Mann André ihr mit seinen täglichen Anrufen seine Aufwartung macht. Da stößt der polnischstämmige Bogdan mit seiner kindlich-freundlichen Art in Annas (herrlich dargestellt von Tatja Seibt) Leben. Entgegen deren Erwartung bleibt er zunächst treu an ihrer Seite - was der mürrische André nicht goutiert. So entbrennt peu à peu ein dialogreicher Kampf der beiden ungleichen Kontrahenten um Annas Liebe.

Der preisgekrönte französische Autor Fabrice Melquiot feiert in "Schwanengesänge" den Triumph der Liebe, in dem er den proletarischen "Anstreicher" Bogdan gegen den arrivierten Maler André antreten lässt. Die Kontrahenten (bravourös gespielt von Oliver Urbanski und Wolf-Dietrich Sprenger) beharken sich bis aufs Blut. In der von Frank Weigand besorgten Übersetzung spitzen sich die Dialoge in aberwitzigen Situationen zu, in denen die Schrulligkeiten der Figuren ihren Ausdruck findet.

Die Berlinerin Regisseurin Anoschka Trocker hat für die Inszenierung mit Valetin Butt am Akkordeon und dem Elektromusiker Thom Kubli den passenden auditiven Rahmen für dieses in weiten Zügen sehr amüsante und dennoch wehmütige-tiefgründige Stück gefunden, das am Donnerstag in der Alten Feuerwache als SR2-Live-Hörspiel geboten wurde.