Warum es das Kino in Frankreich besser hat

Warum es das Kino in Frankreich besser hat

Die große Liebe zum Film, derer sich unsere französischen Nachbarn rühmen können, sie ist nicht nur eine Frage der Vermittlung. Vielmehr ist sie auch eine Frage der staatlichen Förderung der Film- und Kinobranche. Dies war vielleicht die Quintessenz des Bundeskongresses kommunaler Kinos am Wochenende in Saarbrücken.

Im Vergleich zu Deutschland betrug die französische Filmförderung im vergangenen Jahr mit 765,2 Millionen Euro, das Zehnfache der deutschen Filmförderung. Das erfuhren die staunenden Teilnehmer des Bundeskongresses der kommunalen Kinos in Saarbrücken am Samstag von Marie Kraemer. Woher kommt so viel Geld? Auch dafür lieferte Kraemer bestechende Erklärungen.

Frankreich habe den Film schon frühzeitig als siebte Kunstform mit den traditionellen gleichgestellt, deren Förderung als nationale Aufgabe begriffen und Weichen gestellt. So führte man 1946 eine Abgabe von elf Prozent auf jede Kinokarte ein. Aus diesem Topf können Kinos automatisch Fördergelder für Umbau oder Modernisierung abrufen. Anders als in Deutschland sei die französische Filmförderanstalt CNC auch für Fernsehen, Video, Online (also für den gesamten audiovisuellen Sektor) zuständig, führte die Film- und Medienwissenschaftlerin aus Lothringen aus. Das Fernsehen müsse 5,5 Prozent seines Jahresumsatzes (vor Steuern) an die CNC abgeben. Das mache Dreiviertel des CNC-Gesamtbudgets aus. Die staatliche Förderung ist jedoch in Frankreich nicht nur höher als bei uns, sondern auch anders geregelt. Effizienter, wie Kraemer findet. Aus der Erkenntnis, was nützt es, wenn wir Filmproduktionen fördern, sie aber nicht gezeigt werden können?, fördere man Produktionen vergleichsweise weniger als in Deutschland, dafür aber umso mehr (neben dem Verleih) die Kino-In frastruktur (pro Jahr mit 88,5 Millionen Euro). Mit dem Ziel, eine möglichst hohe Kinodichte und Angebotsvielfalt zu sichern.

Neben dieser automatischen Förderung, von der jedes Kino (auch Multiplexe) profitieren kann, greift man im Nachbarland zugleich mit einer reglementierenden Förderung ausgleichend in den Wettbewerb ein - um Programmqualität, die weniger Umsatz bringt, zu belohnen. So werden Programmkinos, die "cinemas d‘art et essai", nach einem Punktesystem für kulturell wertvolle Filme und deren Vermittlung finanziell gezielt unterstützt. Die CNC mit ihrem Apparat von 475 Beamten leistet überdies auch Marktforschung, um neue Trends im Nutzerverhalten der Kinobesucher frühzeitig zu erforschen. Kleinen Kinos ohne Marketingabteilung bietet man durch regionale Außenstellen des Kulturministeriums, den DRACs, persönliche Berater, um sich bei Umbrüchen besser aufzustellen.

Wie die Cinémathèque der Stadt Luxemburg dem digitalen Umbruch begegnet, um "Cinéphilie", die Liebe zum Kino, am Leben zu halten, davon berichtete anschließend deren Direktor Claude Bertemes. In Zeiten von Streaming, das alle Filme gleichzeitig verfügbar hält, veranstaltet er etwa Reihen, die Besuchern in einer unterhaltsamen Kombination aus Vortrag und Filmausschnitten einen Überblick über die Filmgeschichte oder die Filmtheorie bieten. Die Angebote, die Geschichts- und Qualitätsbewusstsein schulen, sind laut Bertemes ein voller Erfolg.

Zuvor hatte Bettina Henzler, Leiterin des Forschungsprojekts "Filmästhetik und Kindheit", über die Vermittlung von Filmkultur in Frankreich berichtet und dabei ähnliche Ansichten wie Marie Kraemer zu Tage befördert: Dem französischen Verständnis der "kulturellen Demokratie" folgend, begreife man das Medium Film dort als Teil der allgemeinen, sowohl ästhetischen als auch moralischen Bildung, die alle Milieus und Altersgruppen erreichen solle. In Deutschland betrachte man den Film hingegen noch zu sehr als bloße kulturelle Beigabe oder als reines Medium der Inhaltsvermittlung - etwa bei Schulkinowochen, deren Filme meist eher dem Inhalt nach ausgewählt würden denn nach ästhetischen Gesichtspunkten. Hierzulande gebe es da noch einige "Denkblockaden" und "Vorbehalte, das Ganze wäre zu intellektuell", so Henzler. Insoweit plädierte sie dafür, Kinder als Zuschauer insoweit "ernster zu nehmen".

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