Botho Strauß treibt die Wirklichkeit ins Surreale

Botho Strauß treibt die Wirklichkeit ins Surreale

Sein neues Buch „Oniritti“, eine Sammlung aus Kurzgeschichten, Glossen und Parabeln, bewegt sich zwischen Mythos und Moderne.

Die Figuren in diesem Buch sind völlig gegenwärtig. Wie sie reden, wie sie sich kleiden, welchen Stil sie pflegen und welchen Umgang mit anderen. Dennoch sind sie fern, in sich versteckt, fremd, merkwürdig reglos in ihren Emotionen, erschöpft. Es ist die eigentümliche, große Kunst dieses Ausnahmeautors, dass es bei ihm einzelne Sätze gibt, die alles sagen. So schildert Strauß den Anblick einer Frau so: "Sie blickte nur häufig sehr ernst in die Ferne, und das tat sie auch, wenn sie mich ansah."

Botho Strauß ist ein Augenmensch, er schaut genau hin, was er in seinem Umfeld zu sehen bekommt. Aber er verlässt sich nicht allein auf das, was geschieht, er nimmt das Reale als Traumvorlage. Erlebnisse, Dramen und Tragödien des Alltags sind ihm Stoff für die nächtliche konzise Erzählkunst. Diese ist der Puls seiner Prosa. Rund 500 Kurzgeschichten, Szenen, Glossen, Parabeln und Denkbilder enthält das Buch, sie treiben die Wirklichkeit ins Surreale. "Tatsächliche Begegnungen brachten mir selten viel ein", gesteht der Schriftsteller. "Erst wenn die Menschen in der hochauflösenden Überdeutlichkeit des Traums erscheinen, werden sie mir lesbar und zugänglich."

Strauß plädiert für mehr Besinnung, Innerlichkeit, ja, für das Imaginäre. Seine Geschichten sind eine Mischung aus Mythos und Erkenntnissen der Naturwissenschaften und Psychologie. Da geht es nicht nur in seelische Tiefen, es kann auch lustig sein. Etwa wenn ein bisher Unbekannter als einziger auf einer Party erscheint, weil die anderen, die sich angesagt hatten, nicht auftauchen. Die Hausherrin zählt ihre Namen auf, witzelnd - und errötend - unterbricht sie der Unbekannte: "Und dann bin nur ich erschienen."

"Oniritti" ist eine Verbindung zweier Wörter: "oneiros" aus dem Griechischen, Traumgesicht, und Graffiti aus der modernen Sprache. "Oniritti" sieht Strauß als "Bildschriften auf der Höhlenwand der Nacht". In den Höhlen fing einst das Leben der Menschen an, das Dasein mit Hoffnungen, die enttäuscht werden, mit Begierden, die zur Fortpflanzung führten, mit einer mal schummrigen, mal glasklaren Wirklichkeit, wie es Traumgeschichten sind. Da wird etwas aus dem Unterbewussten an die Höhlenwände projiziert. Aber real begegnen sich Frauen und Männer, Strauß' großes Thema. Die Verpaarung findet in der Höhle statt, weil das eine Geschlecht nicht ohne das andere auskommt, auch wenn die Einsamkeit davor auch danach bleibt, das Unverstandensein, die eigene Bewusstseinshöhle, in die hineingeschaut wird. Strauß beklagt den Niedergang von Intimität und Eros, er findet, dass wir "Traumliebeskämpfe" ausfechten sollten. Die Liebe heute ist ihm zu platt.

Von "Schlechtgesehenem" allein kann der Mensch nicht leben, so Botho Strauß. Er braucht ein Narrativ, eine Erzählung. Und wie gut versteht er dann andere! "Um wieviel mehr besteht ein Mensch aus Abfärbungen als aus eigener Farbe!" heißt es. "Auch die knurrende kleine Verkäuferin in der Poststelle ist nur so mürrisch geworden, weil sie es bei ihrer Berufsausübung mit unzähligen mürrischen Kunden zu tun hat und solchen, die aus einem Winkel der Anmaßung und Abschätzung auf die hinabsahen und deren Wahrnehmung an ihr haftenblieb und ihr Gesicht bedeckte wie eine blättrige Maske."

Das Fazit des Dichters mit dem immensen historischen Wissen und dem mythischen Tiefgang bei gleichzeitiger Erkenntnis und Erfahrung der Gegenwart lautet: "Alles, was du siehst, war. Du lebst gelebt." Wer tiefer über das Leben nachdenken will, wer von derWunderkammer des Bewusstseins und der Endlosigkeit des Unbewussten mehr erfahren will, der ist richtig bei Botho Strauß.

Botho Strauß: Oniritti - Höhlenbilder. Hanser, 288 S., 22 €