Ein Glückwusch an den Unbeirrbaren

Saarbrücken · Er erhielt den Georg-Büchner-Preis, den Berliner Theaterpreis, den Lessing Preis und viele Auszeichnungen mehr: Botho Strauß gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller – heute wird er 70 Jahre alt.

Seine Familie väterlicherseits stammt aus Merzig: Botho Strauß ' Vater Eduard wird dort 1890 geboren und im Ersten Weltkrieg 1916 in Lothringen schwer verletzt. Ein Geschoss zertrümmert ihm das linke Auge. Eduard Strauß ist deutschnational und kaisertreu gesinnt. Von Beruf Apotheker und Chemiker, erstellt er freiberuflich Gutachten für die pharmazeutische Industrie. Durch eigene kleine schriftstellerische Erfolge wird er zum Vorbild für den Sohn.

Botho Strauß wird bundesweit in den 1960er Jahren bekannt als profunder liberaler Theaterkritiker für die Fachzeitschrift "Theater heute". In den 1970er Jahren arbeitet er als Dramaturg mit Peter Stein am Theater am Halleschen Ufer in Berlin zusammen. Doch schon bald entwickelt er sich zu einem freien Schriftsteller. Sein frühes Stück "Groß und Klein" wird von der Presse gefeiert. Der Roman "Der junge Mann" gilt als Schlüsseltext für die Faschismusanalyse. Doch das Bild dreht sich, als Strauß 1993 einen kulturkritischen Essay mit dem sonderbaren Namen "Anschwellender Bocksgesang" veröffentlicht. Bisher hatte man ihn als Linksintellektuellen eingeschätzt, doch im "Bocksgesang" teilt er nach allen Seiten aus und löst eine Kulturdebatte über das geistige Niveau der Nation aus. Die politische Linke straft ihn mit Verachtung, in Klarstellungen kämpft Strauß unermüdlich um seine Reputation. Doch die ideologischen Schlachten sind geschlagen, die Matadore ermüdet.

Strauß lässt sich nicht beirren, arbeitet einfach weiter, verfasst ständig neue Theaterstücke, Essays und Kurzgeschichten, setzt sich mit Fragen des Naturwissenschaftlichen, der Evolution und der Technik auseinander.

Eine überschaubare Leserschaft ist ihm bis heute treu geblieben, die Breitenwirkung seiner Anfangszeit bleibt aber aus.

Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag erscheint nun ein kleines Buch mit dem Titel "Herkunft". Es trägt starke autobiografische Züge, eingebunden in Reflektionen über die Erinnerung. Der Leser erfährt, dass Strauß in Naumburg an der Saale zur Welt kam, die Firma des Vaters enteignet wurde, die Familie deswegen früh die DDR verließ und in den Westen zog. Der einzige Sohn sollte nicht kommunistisch erzogen werden.

In den 1950er Jahren siedelt sich die Familie in Bad Ems an. Dort verbringt Botho Strauß seine Gymnasialzeit, bevor er nach Berlin zieht. "Herkunft" handelt vor allem von seiner Zeit als Gymnasiast und ist eine nachfühlende Auseinandersetzung mit dem kriegsversehrten Vater, der sich immer mehr zu einem Einzelgänger und Menschenfeind entwickelt.

Der Leser erfährt, dass sein Vater ihm stolz seine saarländische Heimat zeigte. Botho Strauß lernte Saar und Mosel kennen: die Herkunft des Vaters. "Etwa um 1960 standen wir vor seinem Geburtshaus in Merzig an der Saar. Wenig andächtig sah ich den roten Backsteinbau mit dem dunklen Gartenhang im Hintergrund."

Biografische Detailangaben sind in eine literarische und philosophische Reflektion über das Wesen der Erinnerung in Raum und Zeit, aber auch jenseits von Raum und Zeit eingebettet: "Wer seine Erinnerung erzählt, befindet sich nicht im Zustand der Erinnerung. Akute Erinnerung kennt kein ‚Weißt du noch?‘, sondern nur Damals-Unmittelbarkeit, Damals-Überwältigung."

Botho Strauß , Herkunft. Hanser, 96 Seiten, 14.90 Euro.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort