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In der "Republik der Träume"

 Der Schriftsteller Bruno Schulz - ein Selbstporträt, mit Tusche gezeichnet. Foto: dtv
Der Schriftsteller Bruno Schulz - ein Selbstporträt, mit Tusche gezeichnet. Foto: dtv
Saarbrücken. Drohobycz - ein Ort in jenem Mitteleuropa, das durch den Eisernen Vorhang so tief zerschnitten wurde, von dem vermutlich nicht jeder eingeschworene Algarve-Urlauber auf Anhieb zu sagen wüsste, wo es liegt. Dort, in der galizischen Provinz der Donaumonarchie kam am 12. Juli 1892 Bruno Schulz zur Welt Von SZ-Mitarbeiter Lothar Quinkenstein

Saarbrücken. Drohobycz - ein Ort in jenem Mitteleuropa, das durch den Eisernen Vorhang so tief zerschnitten wurde, von dem vermutlich nicht jeder eingeschworene Algarve-Urlauber auf Anhieb zu sagen wüsste, wo es liegt. Dort, in der galizischen Provinz der Donaumonarchie kam am 12. Juli 1892 Bruno Schulz zur Welt.Zusammen mit Stanisaw Ignacy Witkiewicz (Witkacy) und Witold Gombrowicz zählt er zum Dreigestirn der polnischen Moderne. Sein Prosaband "Die Zimtläden", 1934 publiziert, fand die Zustimmung namhafter polnischer Kritiker; eine zweite Sammlung mit Erzählungen - "Das Sanatorium zur Todesanzeige"/"Das Sanatorium zur Sanduhr" (das polnische Wort "klepsydra" bedeutet beides) - erschien 1936. Schulz durfte sich Hoffnungen machen, den ermüdenden Unterricht am Gymnasium aufgeben und sich ganz der Literatur widmen zu können. Dann machte der Krieg alles zunichte. Allein in Galizien fielen der "Endlösung" 500 000 jüdische Menschen zum Opfer. Einer von ihnen ist Bruno Schulz. Der Gestapo-Mann Karl Günther erschießt ihn am 19. November 1942 auf offener Straße.


Wer sich dem literarischen Werk von Schulz zum ersten Mal nähert, wird sich womöglich überfordert fühlen von der Dichte dieser Prosa; doch wer verloren geht in diesen Sätzen, ist bereits auf dem Weg, sie zu verstehen. Einen Schlüssel zu seinen Texten gibt uns Schulz in einem Brief an Witkacy: Dort entwickelt er sein ästhetisch-psychologisches Konzept der Kindheit, das nicht verwechselt werden darf mit nostalgischer Verklärung. Was er im Sinn hatte, war komplexer. Er wollte einen Weg bahnen in jene mythisch-präindividuellen Gefilde, in denen die Kreativität des Künstlers im buchstäblichen Licht der Schöpfung liegt. "Kein Traum, wie absurd und skurril er auch ist", schreibt Schulz in dem Fragment gebliebenen Text "Die Republik der Träume", "verschwindet einfach im Weltall". Schulz hat ebenso viel an Mythologie wie an Kabbala verarbeitet, und jedem Zitat der Tradition verleiht er die Färbung seiner Ironie. Wenn er als "polnischer Kafka" oder "Dichter des Schtetl" bezeichnet wird, so sind diese Etiketten zwar plakativ, aber irreführend. Mit Kafka verbindet ihn stilistisch fast nichts, und die jüdisch-kabbalistischen Motive hat er literarisch so stark überformt, dass er schwerlich als Chronist ostjüdischen Lebens verstanden werden kann.

Seine Übersetzer stellt er vor gewaltige Aufgaben. Zum Klassiker wurde die Übersetzung Joseph Hahns; seit 2008 gibt es eine Neuübersetzung von Doreen Daume. Welche die gelungenere ist, soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Joseph Hahn sind ein paar kleine Schnitzer unterlaufen, sein Gefühl für Klang und Rhythmus aber sucht seinesgleichen.



Außerdem machte sich Schulz als Grafiker einen Namen. Der Zyklus "Das Götzenbuch", angefertigt in der Cliché-Verre-Technik, enthält gewagte erotische Inszenierungen: Jede der an den Grenzen des Masochismus balancierenden Huldigungen "signiert" ein Selbstporträt.

Wer nach 1945 von Polen aus Drohobycz besuchen wollte - von Archivrecherchen ganz zu schweigen -, hatte mit massiven bürokratischen Schikanen der ukrainischen Sowjetrepublik zu kämpfen. Zum Pionier der Schulz-Forschung wurde der polnische Lyriker und Übersetzer Jerzy Ficowski (1924-2006). Manche Zeichnungen und Briefe, die er retten konnte, hatten von den Fluchten und Plünderungen des Krieges verstreut unbemerkt auf Dachböden oder in Kellern gelegen. In der deutschen Übersetzung schrumpft Ficowskis Opus Magnum leider auf ein schmales Bändchen zusammen - offenbar wollte man den deutschsprachigen Leser (der im selben Jahr eine 800-seitige Stefan-George-Biographie erhielt) nicht überfordern.

Der offiziellen Kulturpolitik der Volksrepublik Polen galt Schulz als bürgerlich-dekadent, seit der Wende sind "Die Zimtläden" Schullektüre. Auch in Drohobycz hat man ihn wiederentdeckt; seit 2004 findet dort alle zwei Jahre ein Schulz-Festival statt. Dann erstehen Józef, Szloma und Adela auf, die Krokodilgasse bevölkert sich mit wunderlichen Gestalten, und der Drohobyczer Sänger und Geiger Alfred Schreyer (geboren 1922) erinnert sich an seinen Zeichenlehrer, der manche Unterrichtsstunde damit verbrachte, seinen Schülern Geschichten zu erzählen.

Auf einen Blick

Literatur von Bruno Schulz: Die Zimtläden und alle anderen Erzählungen. Deutsch von Joseph Hahn, Fischer, 1994. 382 S. (Erstausgabe bei Hanser, 1966); Die Zimtläden. Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Hanser, 2008, 232 S.; Das Sanatorium zur Sanduhr. Aus dem Polnischen von Doreen Daume, Hanser, 2011, 368 S.

Zeichnungen finden sich in: Bruno Schulz: Das graphische Werk., Hg. von Wojciech Chmurzynski, dtv, 2000, 144 S.

Eine Biografie: Jerzy Ficowski: Bruno Schulz: 1892-1942. Ein Künstlerleben in Galizien. Übersetzt und für die dt. Ausgabe bearb. von Friedrich Griese. Hanser, 2008. 192 S.

Ein lohnenswerter Dokumentarfilm: "Auf der Suche nach der verlorenen Kindheit - Wer war Bruno Schulz?" Regie: Matthias Frickel. Deutschland 2012. loq