Hollywood-Herzflimmern

Hollywood-Herzflimmern

Saarbrücken. Acht choreografische Themen, 17 Filme, sieben Komponisten - dieses Puzzle will bewältigt sein. In nur 90 Minuten. Nie zuvor hat die Saarbrücker Ballettchefin die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit ihres Publikums so herausgefordert wie mit ihrem jüngsten Stück. Und noch nie hat sich Marguerite Donlon so in Gefahr gebracht

Saarbrücken. Acht choreografische Themen, 17 Filme, sieben Komponisten - dieses Puzzle will bewältigt sein. In nur 90 Minuten. Nie zuvor hat die Saarbrücker Ballettchefin die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit ihres Publikums so herausgefordert wie mit ihrem jüngsten Stück. Und noch nie hat sich Marguerite Donlon so in Gefahr gebracht. Sie, die mancher Kritiker sowieso immer gefährlich dicht an der Gefälligkeit segeln sieht, wählt sich einen Stoff, der wirkt, als wolle man ein Sahnetörtchen zusätzlich noch mit Zuckerguss übergießen: Magische Liebes-Momente der Filmgeschichte, zu Klischees kondensiertes Gefühls-Pathos, "Liebe in schwarz-weiß". Kann das gut gehen? Kann es. Vor allem: Es ist gut gegangen, das sagte auch der lange, rauschende Schluss-Applaus.

Gleichwohl balanciert Donlons neue Arbeit auf des Messers Schneide. Weil sie den Zuschauer mit einer Überfülle an Einzel-Eindrücken und Kürzest-Szenen bombardiert und weil sie die formidablen Tänzer der optischen Über-Macht gigantischer, bühnenfüllender Leinwandbilder aussetzt. Wenn sich in Ingrid Bergmanns Augen ("Casablanca") Tränen der Entsagung wie Juwelen sammeln, wenn Liz Taylors zum Schrei geöffneter Mund das Erschrecken und die Faszination still stellt, die ihr Ehemann auslöst, der vor Gefühlskälte glüht wie ein Vulkan ("Virginia Woolf"), dann verliert König Tanz seine Krone. Selbst meisterliche Sequenzen stürzen gegenüber der Suggestionskraft und Prägnanz übergroßer Mimik leicht ins Zwergenhafte, Diffuse. Und so hat das Ensemble dann seine stärksten Auftritte, wenn die Filmbilder ausgeblendet sind. So wird etwa das "Beieinander" zu Gustav Mahlers "Adagietto" (5. Sinfonie) auf leerer Bühne in weißen, strengen Kostümen zum Höhepunkt des Abends - es gibt Szenenapplaus. Drei Paare buchstabieren in unauslotbarer Vielfalt das Repertoire des Schmiegens, Wiegens, Biegens aus: Körper verknoten sich, scheinen zu verwachsen. Insbesondere Lucina Zwolinska und Pascal Marty tauchen in den anderen ab wie in einen Ozean. Wie eine Haut liegt Donlons fließende, geschmeidige Bewegungssprache der Mahlerschen Musik auf - diese Choreografie der Liebkosungen und der Intimität ist zum Heulen schön, sie ist grandios.

Auf diese lichte, ekstatische Szene folgt Schwarz, der ernüchternde und eben dadurch berührende Schluss, ernst und weise: Liliana Barros und Ramon A. John - die herausragenden Charakterdarsteller des Abends - führen in einer unspektakulären Bewegungssprache ein unverbrüchliches freundschaftliches Miteinander vor, eine natürliche Verbundenheit, die sie ins Alter mitnehmen, zwei gebeugte greise Gestalten am Bühnen-Horizont, aufgehoben in Richard Wagners weltentfernten Klängen ("Liebestod"). Das Staatsorchester unter Andreas Wolf macht nicht nur diese "Tristan und Isolde"-Passagen zu einem außergewöhnlichen Hör-Vergnügen, auch Debussy, Prokofjew und Schostakowitsch haben Konzert-Qualität. Die beiden Russen stützen die humoristischen Sequenzen, in denen Donlon Kopien der Hollywood-Stars von Monroe bis Gable in prächtigen Roben zum Walzer schickt oder in komödiantischen Travestie-Nummern nach dem Muster von "Manche mögen's heiß" gruppiert. Nein, dieser Abend ist keine Hymne, Donlon macht sich auch lustig über die Liebesbilder-Traumfabrik: Mit Riesenfederbüschen an der Stirn ähneln ihre Tänzer aufgezäumten Zirkuspferden (Kostüme: Martin Rupprecht). Auch die naturhaften, glucksenden und klopfenden Kompositionen von Claas Willeke und Sam Auinger sorgen höchst geschickt für Brüche im Gefühls- und Melodien-Überschwang. Ansonsten verwöhnt Donlon uns mit einem hemmungslosen Augenschmaus, nimmt uns mit in einen raffiniert verschachtelten Kosmos aus Film-Fiktion und Bühnen-Präsenz. Alles folgt einer Ästhetik des Unwirklichen und des Flimmerns, Vorhänge scheinen aus der Film-Kulisse ins Staatstheater hineinzuwehen (Bühne: Cécile Bouchier), auf ihnen schimmern kurz Diven-Gesichter auf, Tänzer "entsteigen" der Filmszene und verdoppeln die Handlung, indem sie sie kopieren. Liebe, ein zärtliches Phantom, ein sanftes Sehnen, manchmal ein neckisches Gegeneinander samt Ringen um Dominanz.

Nicht gesichtet wird der quälende Unruhestifter Eros. Sex ist tabu. Die Saarbrücker Ballettchefin ist hier nur konsequent. Sie hat keinen universalen Themen-Rundschlag zur Liebe angesteuert, lässt auch die Nächstenliebe oder die Liebe zwischen Eltern und Kindern aus. Nein, das Thema läuft hier ausschließlich als Hollywood-Produkt. Das ohne Kitsch und billigen Glitzer - alle Achtung.

 Synchron mit der Filmszenen-Projektion imitieren hier zwei Tänzer die Schauspieler. Foto: Stöss/Stage Picture
Synchron mit der Filmszenen-Projektion imitieren hier zwei Tänzer die Schauspieler. Foto: Stöss/Stage Picture
 Die Liebe, getanzt in vielen Facetten und Konstellationen. Foto: B&B
Die Liebe, getanzt in vielen Facetten und Konstellationen. Foto: B&B
 Synchron mit der Filmszenen-Projektion imitieren hier zwei Tänzer die Schauspieler. Foto: Stöss/Stage Picture
Synchron mit der Filmszenen-Projektion imitieren hier zwei Tänzer die Schauspieler. Foto: Stöss/Stage Picture

Termine: 17./19./25.1.; 8./10.2. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486