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Erstmals Bobteam aus Afrika dabei
Exoten auf den Spuren von „Cool Runnings“

Akuoma Omeoga, Seun Adigun und Ngozi Onwumere (von links) freuen sich: Sie sind das erste Bob-Team aus Afrika bei Olympia.
Akuoma Omeoga, Seun Adigun und Ngozi Onwumere (von links) freuen sich: Sie sind das erste Bob-Team aus Afrika bei Olympia. FOTO: bsfnigeria / dpa
Pyeongchang/Lagos. Sechs Nationen fahren erstmals zu Winterspielen. Darunter sind Sportler mit märchenhaften Geschichten.

Seun Adigun tanzte mit Champagner durch den Schnee. Gut, der Schnee war eigentlich nur weißer Stoff, den jemand hastig an die Wand getackert hatte. Auch die blinkende Weihnachtsbeleuchtung an der Decke wirkte bei 28 Grad Celsius im Schatten deplatziert. Aber das Luxushotel hatte sich Mühe gegeben, den Abschied der neuen nigerianischen Nationalheldin über den Dächern von Lagos winterlich zu gestalten.


Denn: Nigeria hat eine Bobmannschaft! 30 Jahre nach Jamaikas legendären „Cool Runnings“ geht in Pyeongchang das erste afrikanische Team in den olympischen Eiskanal. Es steuert: Seun Adigun, die ursprünglich mal die erste Frau in der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA hatte werden wollen.

„Das ist mehr als ein Traum, der jetzt wahr wird“, sagt Adigun, die wie ihre Anschieberin Akuoma Omeoga und Ersatzfrau Ngozi Onwumere in den USA lebt. Dort begann die Geschichte des allerersten Bobs Nigeria vor einigen Jahren mit einem Holzmodell in einer texanischen Garage. Sie endete mit 100 Stundenkilometern in Steilkurven. „Angst ist nur eine Chance, etwas zu lernen“, sagt Adigun. Das afrikanische Zweierbob-Trio ist frisch, frech und, ja, auch ein kleines Bisschen frivol – die US-Talkshows und die Fans in der Heimat lieben es. Werbespots sind geschaltet, eine eigene T-Shirt-Kollektion findet guten Anklang.

Es sind diese Geschichten, die bei Olympischen Spielen noch mehr begeistern als Goldmedaillen und Weltrekorde. Der ghanaische Skeletoni Akwasi Frimpong in seinem quietschbunten Rennanzug mit dem Löwenmaul auf dem Helm beispielsweise, der von „Exotentum“ jedoch gar nichts wissen will. „Ich bin nicht hier, um einen Disney-Film zu drehen“, sagt er selbstbewusst.

Doch er liefert die Story dafür. Zum Weihnachtsfest, erzählt er, gab es früher zur Feier des Tages eine ganze Flasche Cola. Mehr konnte sich die Großmutter, die Frimpong nebst neun Geschwistern in einer vier Mal vier Meter kleinen Kammer großzog, nicht leisten. Jetzt tritt er bei Olympia an. Ein Märchen.



An diesem schreiben auch viele andere. Fatih Arda Ipcioglu geht im Skispringen für die Türkei von der Schanze. Klaus Jungbluth Rodriguez, Langlauf, 38 Jahre alt, ist der erste Winter-Olympionike Ecuadors. Ski-Rennläuferin Shannon-Ogbani Abeda bringt Eritrea auf die Landkarte des Wintersports, sie trägt die Fahne bei der Eröffnungsfeier. Auch Malaysia, Singapur, das Kosovo und eben Nigeria sind erstmals dabei.

Der malaysische Eiskunstläufer Julian Yee konnte zuhause nur am frühen Morgen oder späten Abend in den Einkaufszentren rund um Kuala Lumpur trainieren – manche hatten eine kleine Eisfläche: „Es war wie der Versuch, eine A 380 auf einer Miniatur-Landebahn aufzusetzen.“

Und dann ist da selbstverständlich noch Pita Taufatofua aus dem Königreich Tonga. Er wurde 2016 berühmt, als er in Rio de Janeiro mit nacktem eingeölten Öberkörper zur Eröffnungsfeier kam. Damals war er noch Taekwondo-Kämpfer – nun hat er unter erheblicher Plackerei auf Langlauf umgeschult. „Ich habe ein Jahr lang auf Rollski trainiert – das Schlimmste, was je erfunden wurde“, sagte er: „Man muss ein bisschen verrückt sein. Aber ich bin stur. Und liebe Herausforderungen.“ Ganz wie Seun Adigun. Sie wird übrigens auch gegen ein jamaikanisches Bobteam antreten: ganz wie bei „Cool Runnings“.