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Verbände warnen: Energiekrise für den Sport bedrohlicher als die Corona-Krise

Landessportbünde : Verbände warnen: „Die Energiekrise ist für den organisierten Sport bedrohlicher als die Corona-Krise“

Explodierende Energiekosten bedrohen Breiten- und Spitzensport. Spitzen- und Landesverbände wie der LSVS gehen auf die Barrikaden.

Der deutsche Sport bleibt im Krisenmodus. Die drastisch steigenden Energiekosten erschweren auch die Reform des Spitzensportsystems und trüben so die Erfolgsaussichten für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Wenn die Luft- und Wassertemperatur in Hallen und Bädern gesenkt werden muss oder es zu Schließungen kommen sollte, sind Beeinträchtigungen für Training und Wettkämpfe zu befürchten. „Die Einsparungen sind notwendig, genauso notwendig ist es aber, die Möglichkeiten für den Sport zu erhalten“, sagte Dirk Schimmelpfennig, Leistungssportchef des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Besonders nach zwei Jahren der Corona-Pandemie.“

Welche Sportarten vor allem unter den hohen Energiekosten leiden

Gerade Sportarten mit hohen Trainingsumfängen wie der Schwimmsport würden „natürlich massiv zurückgeworfen“, wenn das Training über einen gewissen Zeitraum unterbrochen werden müsste, sagte Schimmelpfennig: „Es muss gewährleistet sein, dass wir von der Politik so unterstützt werden, um den Sportbetrieb insgesamt im deutschen Breiten- und Leistungssport aufrechtzuerhalten.“

Schließlich stehen im vorolympischen Jahr 2023 die Qualifikationen für die Sommerspiele ein Jahr später in Paris an. Der DOSB sei mit den Verbänden im Dialog über Energieeinsparungen von mindestens 20 Prozent und werde Lösungen finden, wie das alles gut überbrückt werden könne, um keine „drastischen Einschränkungen“ zu haben. Angesichts der Schwächen der Spitzensportreform blickt er den Spielen dennoch sorgenvoll entgegen: „Wir wissen alle, dass es in Richtung Paris schwierig sein wird, den Abwärtstrend bei Olympischen Spielen seit 1992 zu stoppen.“

Besonders groß ist die Sorge des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), nach der Corona-Krise „in die nächste große Notlage zu schlittern“, sagte Leistungssportdirektor Christian Hansmann. Wenn viele Bäder in Deutschland schließen oder man die Temperatur herunterregeln müsste, beträfe es die breite Basis im DSV genauso wie die Elite. Ein Schwimmer, der zweimal am Tag zwei Stunden im Wasser sei, könne bei 25 Grad nicht leistungsorientiert trainieren: „Das ist zu kalt. Das Verletzungsrisiko steigt, Erkältungen häufen sich.“ Deshalb sollten hochtemperierte Außenbecken abgeschaltet, Saunen und Freizeitbecken nicht geöffnet werden.

„Ein Sportler sollte beim Wintertraining in der Halle frieren“

Wichtig ist die Raumtemperatur auch für Hallensportarten oder jene, die im Winter draußen nicht mehr trainieren können. „Auch die Leichtathleten mit ihren 7700 Vereinen werden beim Sparen mithelfen, allerdings geht dies nur in dem Maße, wie ein Training noch verantwortbar ist“, teilte der deutsche Verband mit. Im Leistungssportbereich würde der Großteil der Sportler von solchen Maßnahmen betroffen sein: „Eins ist klar, kein Sportler sollte beim Wintertraining in der Halle frieren.“

Vom Arbeitskreis Maschinen- und Elektrotechnik staatlicher und kommunaler Verwaltungen wird eine Mindesttemperatur von 15 Grad Celsius in Sporthallen empfohlen. Sportverbände haben zudem eigene Vorgaben. Für den internationalen Volleyballverband darf es bis 10 Grad Celsius kalt sein; die deutschen Verbände für Tischtennis und Handball schreiben 15 Grad und der Badminton-Weltverband 18 Grad vor. Wie weit Luft und Wasser heruntergekühlt werden, entscheiden die Kommunen.

Die Hilferufe des organisierten Sports nach rascher staatlicher Unterstützung sind bisher nicht erhört worden. Im dritten Entlastungspaket des Bundes kommt die 27 Millionen Mitglieder große Sportbewegung mit 90 000 Vereinen gar nicht vor. „Ob daneben und über die von der Bundesregierung bereits beschlossenen Entlastungspakete hinaus weitere Maßnahmen notwendig werden, bleibt abzuwarten“, teilte das Bundesinnenministerium mit. Mahnungen, Sportstätten nicht zu schließen, werden manchmal so gekontert: „Schwimmbäder gehören wohl nicht zum kritischen Bereich, genauso wie die Produktion von Schokoladenkeksen“, befand Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur.

Energiekrise sei für den Sport bedrohlicher als die Corona-Pandemie

Systemrelevant war der Sport in der Corona-Krise schon nicht. Die Folge war ein langer Stillstand mit einem Aderlass an Mitgliedern, an Trainern, an Ehrenamtlichen. Die 16 Landessportbünde schlagen erneut Alarm. „Die Energiekrise ist für den organisierten Sport bedrohlicher als die Corona-Krise“, warnte die hessische Präsidentin Juliane Kuhlmann. Wenn keine Hilfen kämen, „gehen wohl bei vielen Vereinen die Lichter aus“. Der LSB Sachsen sprach von einem „Schreckensszenario infolge nicht zu bewältigender Energiekosten“. Indem die Hallen kalt blieben, das Duschen untersagt und manch ein Training ganz abgesagt werden müsse, werde dem Sport jegliche Grundsubstanz genommen: „Wenn wir eins in zwei Jahren Pandemie gelernt haben, dann doch wohl: Kein Sport darf nicht die Lösung sein!“

Auch der Landessportverband für das Saarland ist betroffen. LSVS-Finanzvorstand Joachim Tesche (LSVS) sagt: „Der organisierte Sport im Saarland kann mit seinen rund 350 000 Mitgliedschaften eine ungeheure Kraft entwickeln, auch beim Thema Energiesparen. Aber auch diese Kraft ist endlich. Nach mehr als zwei Jahren Pandemie sind die Reserven aufgebraucht, viele Vereine werden die explodierenden Energiekosten kaum stemmen können. Umso enttäuschender ist, dass der Sport im dritten Entlastungspaket der Bundesregierung keine Berücksichtigung gefunden hat. Unsere Sportvereine brauchen eine spürbare finanzielle Entlastung.“

Der Deutsche Olympische Sportbund sucht nun den Schulterschluss mit dem Deutschen Fußball-Bund, um auf die Problematik hinzuweisen. „In der Doppelkrise Pandemie und Energie arbeiten wir noch intensiver zusammen – es ist die Zeit der Teamplayer“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert.