SZ-Serie „Sind Sie ein Saarland-Kenner?“ Diese Saar-Sportlerin rührte Deutschland zu Tränen (mit Bildergalerie)

Serie | Saarbrücken/Stockholm · In unserer SZ-Serie „Sind Sie ein Saarland-Kenner?“ geht es um fast vergessenes Wissen und interessante Fakten über unser Bundesland. Heute: Liesel Jakobi. Sie hatte gegen die drei Star-Springerinnen aus der damaligen UdSSR keine Chance – das war Experten aus aller Welt klar. Doch dann kam ihr fünfter Versuch.

Glanztag in Stockholm: Liesel Jakobi – die Weitsprung-Europameisterin aus dem Saarland
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Glanztag in Stockholm: Liesel Jakobi – die Weitsprung-Europameisterin aus dem Saarland

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Foto: imago/ZUMA Press/Keystone/imago sportfotodienst

Es war ein Freitag im August 1958. Liesel Jakobi aus dem Saarland startete bei der Leichtathletik-EM für die gesamtdeutsche Mannschaft – kurz nachdem 1957 das Saarland durch Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland dessen zehntes Bundesland geworden war. Ihr erster Sprung landete bei sehr guten 5,99 Metern. Es folgten die Ergebnisse: Ungültig – 5,63 und 5,85 Meter. Das bedeutete den vierten Platz hinter den drei großen Favoritinnen aus der UdSSR, Walentina Litujewa, Nina Protschenko und Aida Tschuiko.

Liesel Jakobi aus dem Saarland holt bei der Europameisterschaft 1958 Gold im Weitsprung

Jakobi schaut nach dem Wind. Es war verdammt knapp, Litujewa führt mit genau sechs Metern. „Das kriege ich noch hin“, sagt sich Liesel Jakobi. Die Geschwindigkeit beim Anlauf, das exakte Treffen des Balkens und die Sprungkraft passen perfekt zusammen – und die erst 19 Jahre alte Sportlerin aus Saarbrücken fliegt sensationelle 6,14 Meter weit zur Goldmedaille.

Liesel Jakobi holt 1958 bei Leichtathletik-Europameisterschaft Gold im Weitsprung.

Liesel Jakobi holt 1958 bei Leichtathletik-Europameisterschaft Gold im Weitsprung.

Foto: Screenshot Neue Deutsche Wochenschau 448/1958
SZ-Serie „Saarland-Kenner“: 14 Fakten über das Saarland
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Diese 14 Fakten aus dem Saarland sollten Sie kennen

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Foto: Animaflora PicsStock - stock.ado/GMLR

Gänsehaut-Moment beim EM-Sieg von Liesel Jakobi aus Saarbrücken

Was dann folgte, war ein Höhepunkt der deutschen Sportgeschichte, der die Menschen in Deutschland zu Tränen rührte. „Ich bin etwas aus der Fassung geraten“, gestand auch Liesel Jakobi vor einigen Jahren der SZ. Bei der Siegerehrung war um des sportlichen Friedens willen das Spielen einer Hymne der gesamtdeutschen Mannschaft vom Leichtathletik-Weltverband IAAF untersagt worden. Doch plötzlich standen Hunderte deutsche Leichtathletik-Fans im Stockholmer Olympiastadion auf und sangen das „Deutschland-Lied“, wie Jakobi die deutsche Nationalhymne nannte.

„Wenn ich daran denke, läuft es mir immer noch eiskalt den Rücken runter“

„Das Saarland war das erste Mal dabei, das war ein unglaublicher Gänsehaut-Moment“, sagte ein Zeitzeuge der SZ, der wie Millionen anderer Deutscher bei der Sportübertragung aus Stockholm im Radio mit Liesel Jakobi mitgefiebert hatte. „Wenn ich daran denke, läuft es mir immer noch eiskalt den Rücken runter.“ Zwischen 1950 und 1956 hatte das Saarland eine eigene Olympische Gesellschaft und auch eine eigene Fußball-Nationalmannschaft. Statt einer Hymne war bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1958 schließlich für die gesamtdeutsche Mannschaft aus Bundesrepublik Deutschland und DDR vereinbart worden, Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ zu spielen. Die deutschen Leichtathletik-Fans im Stockholmer Stadion sangen jedoch noch weit über das offizielle Beethoven-Stück immer weiter „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“. Der Zeitzeuge ist 63 Jahre danach immer noch von den Szenen um die Saarbrückerin Jakobi emotional tief ergriffen und berichtet unter Tränen: „Und der schwedische König Gustaf VI. Adolf blieb im Stadion stehen, bis die deutschen Fans das letzte Wort der deutschen Nationalhymne gesungen hatten.“

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Foto: BECKER&BREDEL/bub

Liesel Jakobi, später Luxenburger, wurde am 28. Februar 1939 in Saarbrücken-St. Arnual geboren und startete ihre Sportlerinnen-Karriere beim ATSV Saarbrücken. 1957 wurde sie zweifache deutsche Jugendmeisterin im Weitsprung und im Fünfkampf. 1958 und 1959 siegte sie bei den deutschen Meisterschaften in der Halle im Weitsprung, 1959 zudem über die 50 Meter. 1960 folgte ein weiterer Titel über die 50 Meter mit einer Zeit von 6,4 Sekunden. „Die kurzen Strecken liegen mir“, sagte Liesel Jakobi damals. 1963 wurde Jakobi, schon unter dem Namen Luxenburger, in 7,6 Sekunden deutsche Hallenmeisterin über 60 Meter.

Jakobi wurde für ihre Leistungen 1958 mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. Ein Oberschenkelriss brachte sie kurzfristig um die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1964 in Tokio.

Video der Neuen Deutschen Wochenschau 448/1958Der Goldsprung von Liesel Jakobi in Stockholm  (ab Minute 7,30)

Statistik zum Weitsprung der Frauen bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1958:

  • Platz 1: Liesel Jakobi (Deutschland) 6,14 Meter
  • Platz 2: Walentina Litujewa (Sowjtunion) 6,00 Meter
  • Platz 3: Nina Protschenko (Sowjtunion) 5,99 Meter
  • Platz 4: Aida Tschuiko (Sowjtunion) 5,99 Meter
  • Platz 5: Maria Ciastowska (Polen) 5,97 Meter
  • Platz 6: Maria Chojnacka (Polen) 5,97 Meter
  • Platz 7: Helga Hoffmann (Deutschland) 5,85 Meter
  • Platz 8: Inga Broberg (Schweden) 5,85 Meter
  • Platz 9: Jean Whitehead (Großbritannien) 5,84 Meter
  • Platz 10: Marthe Djian (Frankreich) 5,83 Meter

Finale: 22. August im Stockholmer Olympia-Stadion, 16.30 Uhr.

Leichtathletik-EM 1958 in Stockholm: Liesel Jakobi präsentiert stolz ihre Goldmedaille.

Leichtathletik-EM 1958 in Stockholm: Liesel Jakobi präsentiert stolz ihre Goldmedaille.

Foto: SZ

Anmerkung der Redaktion: Auch die Siebtplatzierte, Helga Hoffmann, startete für den ATSV Saarbrücken.

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