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Schießsport
Summer trifft blind ins Schwarze

Hochkonzentriert nimmt Selina Carolin Summer die zehn Meter entfernte Zielscheibe ins Visier – ohne sie zu sehen.
Hochkonzentriert nimmt Selina Carolin Summer die zehn Meter entfernte Zielscheibe ins Visier – ohne sie zu sehen. FOTO: Selina Carolin Summer
HECKENDALHEIM. Die Saarländerin ist eine Top-Schützin, wurde Zweite bei der deutschen Meisterschaft – dabei ist sie stark sehbehindert. Von Mirko Reuther

Hochkonzentriert steht Selina Carolin Summer vor der zehn Meter entfernten Zielscheibe. Kaum wahrnehmbar bewegt sich die Spitze ihres Luftgewehrs, als suchte sie auf der Scheibe nach dem perfekten Punkt. Dann hält Summer den Atem an, scheint jede Faser ihres Körpers für einen Sekundenbruchteil zum Stillstehen zu zwingen – und drückt ab. Anschließend nimmt sie ihre lichtundurchlässige Dunkelbrille ab und lächelt. „Vorführeffekt – das war keine Zehn“, sagt die 28-Jährige beinahe entschuldigend.



Das Außergewöhnliche an der Schützin: Summer betreibt einen Sport, bei dem Visualisierung für gewöhnlich das A und O ist – lebt aber seit ihrer Geburt mit einer hochgradigen Sehbehinderung. Summer kann ihr Ziel nicht sehen – aber sie kann es hören. Auf ihrem Luftgewehr befindet sich eine sogenannte Optronik. Das Gerät misst mit einer Fotozelle einfallende Lichtimpulse und wandelt sie in Töne um. Je höher der Ton ist, den die mit einer Speziallampe angestrahlte Zielscheibe übermittelt, desto genauer zielt sie auf die exakte Mitte der Scheibe. Trifft sie die, sind das zehn Punkte. „Es geht um Hand-Ohr-Koordination statt Hand-Auge-Koordination. Es bleibt aber Millimeterarbeit“, sagt die St. Ingberterin.

Ihr linkes Auge ist blind. Wenn sie eine Sehhilfe nutzt, hat sie auf dem rechten Auge noch eine Sehkraft von 30 Prozent. Schuld daran ist eine Optikusatrophie, eine degenerative Erkrankung des Sehnervs. Summer leidet außerdem an einer Hornhautverkrümmung und einem Nystagmus (Augenzittern). „Vielleicht bleibt meine Sehkraft so wie sie jetzt ist, vielleicht nimmt sie weiter ab“, sagt sie. Die Dunkelbrille trägt die Sportschützin auf Wettkämpfen, um keinen Vorteil gegenüber komplett blinden Konkurrenten zu haben. Summer ist die einzige Person im Saarland, die trotz Sehbehinderung wettbewerbsmäßig Schießsport betreibt. Mit der Mannschaft vom SV Heckendalheim tritt sie in der Kreisklasse an. Im September gewann sie bei den deutschen Meisterschaften in der Sehbehindertenklasse SH3 (Freihandschießen ohne Gewehrauflage) auf der Olympiaschießanlage in München die Silbermedaille.

Mit dem Sport hatte Summer aber eigentlich schon vor Jahren abgeschlossen. Mit ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann Benedikt nahm sie ab 2005 am Training im Schützenverein Heckendalheim teil. „Das war meine Leidenschaft. Für die Mannschaft war ich aber zu schlecht, auch wenn ich damals noch etwa 70 Prozent Sehstärke hatte. Als es schlimmer geworden ist und ich immer weniger getroffen habe, habe ich aufgehört. Das hat mich geärgert“, erzählt Summer.

Weil die gelernte Akustikerin wegen ihres schwächer werdenden Augenlichts nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten konnte, zog sie 2014 im Rahmen einer Umschulung ins nordrhein-westfälische Düren. Über das Berufsförderungswerk kam Summer in Kontakt mit der St. Ewaldus Schützengilde. Dort wurde die Optronik-Technologie schon länger eingesetzt. Mit Katharina Wersig und Monika Brokamp fand sie sehbehinderte Schützinnen, die sie darin bestärkten, den Sport wieder aufzunehmen. „Wir sind heute noch Freundinnen und geben uns verbale Arschtritte, wenn die Trainingsleistungen nachlassen“, sagt Summer und muss dabei schmunzeln.

Seit 2016 übt sie den Sport wieder beim Schützenverein Heckendalheim aus. Ihr Leben hat das bereichert: „Der Schießsport war immer eine Sache, die ich mit meinem Mann teilen konnte. Ich war niedergeschlagen, als das weggefallen ist. Heute können wir den Sport wieder gemeinsam ausüben, sogar in der selben Mannschaft“, sagt Summer und strahlt. Im Saarland darf in jeder Schützenmannschaft auch ein Versehrter schießen. Trotzdem musste die St. Ingberterin um ihren Einsatz für Heckendalheim kämpfen. Weil ihre Trefferquote zu gut ist.

Die Sportschützin erklärt: „Die Zielscheiben für Sehbehinderte der Klasse SH3 sind ein wenig größer. Das hat der deutsche Schützenbund festgelegt. Er hat festgestellt, dass die Schwierigkeit dadurch für alle gleich ist. Trotzdem gab es offenbar Beschwerden darüber, dass ich es einfacher hätte.“ Und Summer ergänzt: „Für meine Ergebnisse trainiere ich drei Mal in der Woche. Ich biete den Gegnern immer an, dass sie es mit Dunkelbrille und meinem Luftgewehr selbst versuchen können. Das Angebot nehmen aber nicht alle an.“

Der sportliche Erfolg kommt für Summer aber ohnehin an zweiter Stelle. Sie wünscht sich vor allem eines: „Es ist schade, dass ich im Saarland die einzige sehbehinderte Schützin bin, die an Wettkämpfen teilnimmt. Mir hat der Sport viel gegeben. Ich fände es toll, wenn sich noch andere Menschen trauen würden. Und dass der Schießsport eines Tages vielleicht Teil der paralympischen Spiele wird.“