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Reise zu den Rändern des Jazz

St Ingbert. Zwischen Big-Band-Sounds, impressionistischen Klaviertönen und krachendem Blech bewegten sich die vergangenen Abende beim St. Ingberter Jazzfestival. Eine breite Mischung, die nicht immer überzeugte. Kerstin Krämer,Stefan Uhrmacher (beide SZ)

An drei Abenden in Folge gab's beim St. Ingberter Jazzfestival Bigband-Sounds. Nach dem Glanzlicht der HR-Mannen vom Vortag hatten es die Amateure der SAP-Bigband (Leitung: Thomas Siffling) am Freitag jedoch hörbar schwerer. Der "Bezug zum Saarland" hatte bei der Verpflichtung erklärtermaßen eine Rolle gespielt - so trat in dem Jazzorchester der Softwarefirma etwa der Saarbrücker Informatikprofessor und passionierte Baritonsaxofonist August Wilhelm Scheer eifrig ans Solistenmikrofon. Unverzichtbares Juwel auf dem Podium war freilich die in der Schweiz lebende Nicole Johänntgen . Der gebürtigen Fischbacherin verdankte das gesetzte SAP-Querbeetrepertoire zwischen traditionellem Swing, Latin- und Funky-Grooves die ersehnten Zündfunken: Mit heißen Überblasungen brachte Johänntgen ihre Saxofoneinlagen auf den Punkt - das begeisterungsfähige Auditorium dankte das mit entsprechendem Applaus.

Auf internationalem Spitzenniveau segelte das Festival danach mit dem David Gazarov Trio. Was entzückte mehr? Die substantiellen und eigenständigen Bach-Bearbeitungen des Klavierpoeten aus Aserbaidschan oder seine mit ansprechenden Themen aufwartenden Eigenkreationen? Wenn die Finger des ausgebildeten Pianisten über die Klaviatur rasten und die Improvisationen sich in weiter Dramaturgie dem Siedepunkt näherten, paarten sich Temperament und unverschämte Leichtigkeit mit Einfallsreichtum und architektonischem Durchblick. Als Bilderbuchbegleiter trugen Meinhard Jenne (Schlagzeug) und Mini Schulz (Kontrabass) Gazarovs Musik förmlich auf Samtpfoten und swingten selbst im Pianissimo noch anregend. Eine geradezu epische Version des "Ave Maria" etwa war eine beispielhafte Teamleistung. Prädikat: großartig.

Rätselhafte Mischung

Definitiv nichts für Traditionalisten war der Samstag. Unter dem Motto "Jazz Party" beackerte der Abend Randgebiete des Jazz und präsentierte drei sehr unterschiedliche, herausragende Vokalistinnen. Rätselhaft, wieso die Programmgestalter den eher introvertierten und kontemplativen Beitrag Johanna Borcherts in diesen unterhaltungsorientierten Rahmen quetschten - absurder ging es kaum. Ob's wegen der visuellen Effekte geschah, die in Form von Projektionen über die Innenseite des aufgeklappten und weiß verkleideten Flügeldeckels huschten? Fakt ist: Borcherts Solo-Darbietung löste atemlos faszinierte Stille aus. Mit samtwarmer Stimme - mal zerbrechlich, mal kraftvoll - und akzentuiertem Zugriff am präparierten Klavier entfachte die gebürtige Bremerin einen hypnotischen Sog zwischen alternativer Sänger-/Songschreiberkunst und klassisch geschulter, improvisatorisch-impressionistischer Klangmalerei - intensiv und überaus eigen.

In knallhartem Kontrast dazu stand die vor Spiellaune überbordende Groove-Attacke des Septetts um die 22 Jahre junge Nina Attal. Wie Borchert ist die Französin eine hervorragende Vokalistin und Instrumentalistin in Personalunion, ansonsten aber nicht mit ihr zu vergleichen: Attal begeisterte als quirliges Energiebündel mit frechem, schlankem Timbre, ungebremst seelenvollem Gesang und erdiger Wahwah-Gitarre und riss die Zuhörer in der gut besuchten Stadthalle zu tosenden Ovationen hin. Ihre vitale Kur aus Blues, Soul und Funk mit knackigem Gebläse und wohligen Orgelsounds brachte die Hütte zum Brodeln.

Das schwofende Volk wollte die fröhlichen Gallier gar nicht mehr von der Bühne lassen, weswegen der Kehraus der Blaskapelle "Beat'n Blow" mit erheblicher Verspätung begann. Umso schwerer hatten es die Berliner, den Stimmungspegel oben zu halten und das Publikum um Mitternacht nochmal mitzureißen. Die vorzüglich eingegroovte Brass-Formation ist aufgestellt wie eine Marching Band und macht auch tatsächlich einige stilistische Anleihen beim New Orleans Jazz , setzt jedoch überwiegend auf stimulierende, hippe Ska-Beats. Aufhorchen ließen vor allem die superb aufgebauten, überschäumenden Soli von Altsaxofonist Björn Frank und die Stimmgewalt der soulig vor sich hin knödelnden Frontfrau Katie LaVoix, mit der auch deutsche Texte ins Repertoire Einzug hielten.