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Politik und Wirtschaft reden über Zukunft der Autoindustrie im Saarland

Klimawandel und drohender Brexit : Die Automobilbranche will sich neu erfinden

Politik und Wirtschaft diskutieren in Saarbrücken über die Frage, wohin die Reise für Hersteller und Zulieferer im Saarland gehen wird.

44 000 Jobs hängen im Saarland an der Automobilindustrie. Welche Folgen die Absatz-Krise, in die Klimawandel, Dieselskandal und drohender Brexit die Branche gestürzt haben, für die Autobauer und Zulieferer hierzulande haben wird, und wie ihnen begegnet werden kann, darüber diskutierten Vertreter aus Politik und Wirtschaft gestern auf dem Unternehmenstag der Automobilindustrie. Dabei ging es auch um die Frage, wie die Mobilität der Zukunft aussehen soll.

Ein Weg aus der Krise kann laut Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) eine bessere Verzahnung von Autoindustrie und Wissenschaft sein, wie sie beispielsweise der Autozulieferer ZF mit dem neuen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz in Saarbrücken anstrebt. „Damit legen wir den Grundstein dafür, dass sich auch andere hier ansiedeln“, sagt Hans. „Ein reiner Produktionsstandort wird nicht reichen.“

Die bestehenden Probleme könnten durch den Brexit zusätzlich verschärft werden, sagt Hans, die Politik trage hier eine große Verantwortung. So müsse ein Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union ohne Handelsabkommen unbedingt verhindert werden, fordert der Ministerpräsident. Das Vereinigte Königreich sei einer der wichtigsten Abnehmer für die saarländische Autoindustrie. So sei derzeit beispielsweise jeder sechste im Ford-Werk in Saarlouis gefertigte Wagen ein Rechtslenker. „Wenn wir Großbritannien als Handelspartner verlieren, wird das gravierende Auswirkungen auf die Zulieferer im Saarland haben“, fürchtet Hans.

Hinzu komme ein schärfer werdender internationaler Wettbewerb, sagt Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. Deutschland sei zwar bei Patenten noch immer führend, „aber in vielen Bereichen bringen wir unsere Innovationen einfach nicht schnell genug auf die Straße“. Die Investitionen in technische Innovationen seien für die Unternehmen ein „echter Spagat“, erklärt Mattes. „Die Branche war noch nie mit Veränderungen konfrontiert, die so groß waren wie die, die jetzt auf uns zukommen.“

Die Lösung könne nur in einem nachhaltigen Mobilitätskonzept liegen, sagt Mattes. Die Industrie bekenne sich klar zum Pariser Klimaabkommen, in dem sich die teilnehmenden Staaten verpflichtet haben, ihre CO2-Emssionen zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten alternative Antriebe und neue Kraftstoffe entwickelt werden. „Aber auch den Verbrennungsmotor müssen wir weiter optimieren, hier sind noch 20 Prozent weniger Verbrauch drin“, schätzt Mattes.

Doch nicht nur bei den Antrieben sieht er Verbesserungspotenzial. „Auch die Vernetzung der Fahrzeuge wird ein entscheidender Faktor sein.“ Der Staat müsse dazu passende Rahmenbedingungen schaffen, etwa beim Ausbau des für die Fahrzeugvernetzung wichtigen neuen Mobilfunkstandards 5G, aber auch bei der Strom-Infrastruktur. „Wenn wir wollen, dass die Kunden batteriegetriebene Autos benutzen, müssen wir auch dafür sorgen, dass sie überall tanken können.“ Zudem seien Elektro-Autos nur dann förderlich für das Klima, wenn der Strom CO2-neutral erzeugt werde.

Auch am Autozulieferer ZF, der in Saarbrücken Getriebe baut, sei die Krise im vergangenen Jahr nicht spurlos vorbeigegangen, sagt Vorstandsmitglied Michael Hankel. Der weltweit agierende Konzern sieht die Zukunft derzeit trotzdem nicht ausschließlich im Batterieauto. „Elektromobilität ist wie Ketchup auf den Teller geben“, sagt Hankel. „Man weiß zwar, dass er kommt, aber nicht, wann und wie viel.“ Stattdessen wolle ZF vermehrt auf Hybridantriebe setzen und die dafür benötigten Getriebe weiterhin in Saarbrücken fertigen. „Werke wie dieses hier wären durch reine E-Mobilität gefährdet“, sagt Hankel. Langfristig werde ZF dennoch Stellen im Saarland streichen müssen. Die demografische Struktur im Unternehmen erlaube aber, diese Jobs ohne Kündigungen abzubauen. „Wir verhandeln bereits mit den Arbeitnehmervertretern, wie genau dieser Wandel vonstattengehen soll.“

Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Da ZF künftig auf Software und Vernetzung setze, müssten die Beschäftigten in diesen Bereichen verstärkt geschult werden, sagt Hankel. Man benötige aber auch Fachkräfte von außerhalb. „Das Hauptproblem dabei ist, wie wir die guten Leute hierher bekommen.“ Daher müsse das Saarland „ein attraktiver Ort zum Leben“ bleiben.