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Böse Erinnerungen an Tschernobyl: Wirbel um angeblichen Atomunfall in der Ukraine

Böse Erinnerungen an Tschernobyl: Wirbel um angeblichen Atomunfall in der Ukraine

Ein defektes Atomkraftwerk in der Ukraine: Die Nachricht war ein Schock am Mittag – wenn auch nur ein kurzer. Auch 28 Jahre nach dem Gau von Tschernobyl ist in der krisengeschüttelten Republik ein Atomausstieg kein Thema.

Eine "Havarie" in Europas stärkstem Atomkraftwerk? Um die Mittagszeit erreicht die Nachricht aus der Ukraine die Welt - und ganz kurz hält man den Atem an. Für einen Moment liegt der schwere Schatten der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 wieder über Europa. Damals war der vierte Block explodiert, es gab Tausende Tote. Nun ein neuer Gau in der krisengeschüttelten Ex-Sowjetrepublik? Die sich in ihrem Osten im Krieg befindet? Nicht auszudenken, was das für Europa bedeuten könnte.

Seinen ersten Arbeitstag muss sich der ukrainische Energieminister Wladimir Demtschischin völlig anders vorgestellt haben. Völlig unvermittelt spricht Regierungschef Arseni Jazenjuk bei der ersten Sitzung des neuen Kabinetts in Kiew von der "Havarie" bei Saporoschje, dem gewaltigen Atomkraftwerk.

Demtschischin, der einst in Frankfurt/Oder Betriebswirtschaft studierte, gibt bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz schnell Entwarnung: kein Störfall, nur ein Kurzschluss. Ja, der dritte Block sei am Freitag notabgeschaltet worden. Aber alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert. Der Akw-Betreiber Energoatom habe tags darauf umfassend informiert. Und nein, es sei keinerlei Radioaktivität ausgetreten.

Doch da war das Jazenjuk-Zitat vom "havarierten Atomkraftwerk" schon um die halbe Welt gerast. Es sorgte für helle Aufregung - besonders in Deutschland, das den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat.

Seit Monaten kommt die Ukraine nicht aus den internationalen Negativ-Schlagzeilen: erst die russische Annexion der Halbinsel Krim, dann die blutigen Gefechte mit prorussischen Separatisten im Osten - und jetzt etwa ein zweites Tschernobyl? Die Bilder vom 70 Meter hohen Betonklotz mit dem rot-weißen Schlot gingen 1986 um die Welt. Nach der Katastrophe war eine Hülle gebaut worden, aber der sogenannte Sarkophag bröckelt.

Die vor dem Staatsbankrott stehende Ukraine ist auf Atomkraft angewiesen. Doch durch zwei abgeschaltete Blocks in Saporoschje - ein Reaktor befindet sich in Reparatur - fehlen dem Land 3,1 Gigawatt an Strom. Die Kohle- und Gaskraftwerke können das Defizit nicht ausgleichen. Ihnen mangelt es schlicht an Brennstoff. Fünf Wärmekraftwerke im Osten des Landes haben gar nur noch Kohlevorräte für vier Tage, teilte der Staatskonzern Ukrenergo mit. Ohne den Bürgerkrieg wäre die Kohle aus dem Donbass im Osten gekommen.

Ein Jahr nach Beginn der schweren Krise befindet sich Europas zweitgrößter Flächenstaat auch energiepolitisch am Limit. Immer häufiger kommt es zu Stromabschaltungen von Großabnehmern. In der ostukrainischen Millionenstadt Charkow wurden elektrisch betriebene Bus- und Straßenbahnlinien bereits vom Netz genommen: Energiesparen geht vor - und geht auf Kosten der von der Schwerindustrie geprägten Wirtschaft. Doch die Kapazitäten reichen nicht, zumal es mit Russland wiederholt zum Streit um Gas-Rechnungen kommt.

Nach dem Unfall in Tschernobyl schaltete die Ukraine alle Reaktoren gleichen Typs ab. Doch immer noch sichern 15 weitere Blöcke mehr als 40 Prozent der Stromversorgung. Die Ex-Sowjetrepublik kann aber die Altlasten des Unglücks von 1986 nicht allein beseitigen.

Der im Bau befindliche neue Sarkophag in Tschernobyl hat eine Finanzierungslücke von 615 Millionen US-Dollar. Zwar bewilligte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung jetzt zusätzliche 350 Millionen US-Dollar. Doch woher der Rest kommt, ist unklar.

Bis heute sind weite Teile Weißrusslands sowie Regionen in der Ukraine und in Russland verseucht. Die radioaktive Strahlung in Tschernobyl war Experten zufolge etwa 500 Mal stärker als nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima 1945. Doch ein Ausstieg aus der Kernenergie ist in der Ukraine kein Thema. "Wie kann man bloß etwas so Nützliches infrage stellen? Wir sind froh, dass wir überhaupt Strom haben", meinen dort viele Menschen. Dementsprechend unterkühlt war der Umgang mit der "Havarie" in Saporoschje: Den meisten ukrainischen Medien war sie nur ein paar Zeilen wert.

Nicht nur in Deutschland war die Erleichterung nach der Entwarnung gewaltig. Und die Hoffnung, dass wirklich alle Beteiligten die Wahrheit gesagt haben. Das war nämlich nach dem Atomunfall in Tschernobyl am Anfang nicht so.

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HintergrundMit Besorgnis hat der saarländische Umweltminister Reinhold Jost (SPD ) die Nachricht über einen Unfall in einem Atomkraftwerk in der Ukraine aufgenommen. "Die widersprüchlichen Meldungen aus der Ukraine tragen natürlich nicht zur Beruhigung bei. In jedem Fall zeigen die Vorgänge im Atomkraftwerk Saporoschje, dass es keine friedliche Nutzung der Atomkraft geben kann. Sie ist eine ständige Bedrohung für die Menschen", sagte Jost. red