Zum Erdüberlastungstag: Mehr tun für die Klimabilanz – aber wie?

Zum Erdüberlastungstag : Mehr tun für die Klimabilanz – aber wie?

Weniger Müll, weniger Fleisch, weniger Konsum: Jeder Bürger kann zum Klimaschutz beitragen. Ein fiktives Beispiel zum Erdüberlastungstag.

Schüler-Streiks, Diesel-Krise, CO2-Steuer, Klima-Gipfel – Max hat die Nase voll. Ständig diskutieren er und seine Freunde über die Erderwärmung – und dass die Politik in Sachen Klimaschutz kaum etwas auf die Reihe bekommt. Aber selbst verzichten – Fehlanzeige. Damit ist jetzt Schluss. Max – ein ganz normaler junger Mann in Deutschland – will was tun. Aber was? Und wie sinnvoll ist das?

An guten Vorsätzen zum Klimaschutz mangelt es den Deutschen nicht. Für 2019 hat sich einer Umfrage zufolge mehr als die Hälfte vorgenommen, mehr einheimische und saisonale Produkte zu kaufen. 42 Prozent wollen weniger Strom verbrauchen, knapp jeder Dritte möchte häufiger das Auto stehen lassen. Weniger fliegen wollen 16 Prozent. Gestern dann eine weitere Umfrage: Im Deutschlandtrend der ARD sehen 81 Prozent Handlungsbedarf beim Klimaschutz. 85 Prozent glauben, dass Einschränkungen im Lebensstil nötig sind. Aber: Eine CO2-Steuer lehnen 62 Prozent ab.

Fleischverzicht schone das Klima, liest Max im Internet. Der fiktive Mittdreißiger beschließt, künftig vegetarisch zu leben. Damit vermeidet er geschätzte 0,98 Tonnen CO2-Äquivalente (CO2-Ä) pro Jahr. Die Einheit bezieht die Wirkung von CO2 und anderer Treibhausgase ein. Max kauft nun auch nicht mehr häufig eingeflogene, sondern nur noch regionale und saisonale Lebensmittel. Das spart weitere 0,26 Tonnen.

Im Schnitt verursacht ein Mensch in Deutschland laut CO2-Rechner des Umweltbundesamtes 11,6 Tonnen CO2-Ä im Jahr. Auch die für die fiktive Person Max berechneten Zahlen stammen daher. Ziel ist laut der Behörde, langfristig unter eine Tonne CO2-Ä zu kommen. Dafür brauche es aber auch wirksame staatliche Rahmenbedingungen. Viel Sparpotenzial für den Einzelnen gibt es bei Flügen und beim Wohnen, eher wenig bei der Ernährung.

Samira ist die Freundin von Max. Gemeinsam fliegen sie gerne um die Welt. Max ahnt, dass das nicht gut fürs Klima sein kann. Verzichten will er aber nicht. Dabei haben die Flüge für seinen Trip nach Barcelona im vorigen Jahr 0,87 Tonnen CO2-Ä verursacht, die Reise nach New York 3,89 Tonnen. Beim Klimaschutz werden oft falsche Prioritäten gesetzt, sagt Michael Bilharz vom Umweltbundesamt. „Der normale Mensch ist kein Fußabdruck-Stratege.“ Ihn ärgert, wenn Menschen „echte Klimasünden wie Fernreisen mit Peanuts wie Verzicht auf Erdbeeren im Winter“ oder dem Vermeiden von Plastikverpackungen“ aufwiegen. Die Argumente, um klimaschädigendes Verhalten zu rechtfertigen, seien oft die gleichen: Die Alternative sei zu teuer, zu anstrengend oder habe global gesehen nur geringe Auswirkungen.

Max wohnt in Berlin, Altbauwohnung, 80 Quadratmeter. Das Gebäude ist unsaniert, geheizt wird mit Gas. Samira bewohnt 50 Quadratmeter in einem Neubau mit Fernwärme. Der Unterschied beim Klimagasausstoß ist mit 3,17 Tonnen pro Jahr beträchtlich. Umziehen will Max aber nicht. Ein Wohnungswechsel für den Klimaschutz kommt für die meisten Menschen nicht in Frage. Marcel Hunecke, Umweltpsychologe an der Fachhochschule Dortmund, drückt es so aus: „Klimaschutz ist in der Zielhierarchie nicht hoch angesiedelt.“ Er empfiehlt, zunächst kleine Schritte zu machen.

Stromsparen kann sich Max gut vorstellen. Er reduziert seinen Verbrauch um 25 Prozent. Das verbessert seine Klimabilanz um 0,30 Tonnen CO2-Ä im Jahr. Zwar behält Max seine alten Elektro-Großgeräte, aber er wechselt zu Ökostrom. Das spart weitere 0,84 Tonnen.

Reiche Menschen stehen beim CO2-Ausstoß meist schlechter da. „Wer wenig Geld hat, kann sich kein großes Auto, keine Flugreise und keine große Wohnung leisten. Das sind Dinge, die sich 1:1 in der Klimabilanz widerspiegeln“, sagt Experte Bilharz. So verursachten Menschen mit einem Einkommen von unter 2000 Euro im Schnitt rund 10,3 Tonnen CO2-Ä im Jahr, bei mehr als 4000 Euro sind es rund 14,7 Tonnen.

Morgens nimmt Max für seine sechs Kilometer zur Arbeit meist das Auto. Nutzt er die Bahn, spart er 0,51 Tonnen CO2-Ä im Jahr. Mit dem Rad sind es weitere 0,16 Tonnen. Hält Max seinen Enthusiasmus ein Jahr durch, spart er rund drei Tonnen. Aber Max plant mehr. Er will nun auch klimapolitisch aktiv werden – und Druck machen.

„Druck von unten halte ich für unglaublich essenziell“, sagt Lisa Göldner von Greenpeace. Dass endlich ein Fahrplan für den Kohleausstieg vorliegt, sei gelungen, weil Menschen auf die Straße gingen. Bilharz vom Umweltbundesamt sagt zu den Effekten von politischem Engagement sogar: „In der Tendenz deutlich wirksamer als Konsummaßnahmen, weil das bei Erfolg dann ja für alle gilt.“ Und Umweltpsychologe Hunecke bekräftigt. „Allein kommt man nicht unter sieben oder acht Tonnen.“

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