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Liberaler Dogmatiker wider den tierischen Ernst

Liberaler Dogmatiker wider den tierischen Ernst

Kardinal Karl Lehmann war sichtlich gerührt, als gestern sein Abschied als Bischof von Mainz offiziell war. Kurz vor Ende des Festgottesdienstes zu seinem 80. Geburtstag verkündete der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic: "Der Heilige Vater hat ihr Rücktrittsgesuch mit dem heutigen Tag angenommen." Bereits im Januar hatte Lehmann Franziskus zur Vollendung seines 80. Lebensjahrs um Beendigung des Diensts als Bischof von Mainz gebeten - nach fast 33 Jahren.

Welche Bedeutung er in dieser Zeit weit über sein Bistum hinaus gewann, zeigten schon die gestrigen Feierlichkeiten: Der Festgottesdienst im Mainzer Dom und auch der anschließende Festakt in der Rheingoldhalle wurden live im Fernsehen übertragen. Ehrengäste aus der Kirche, der Politik und der Gesellschaft kamen. "Wir empfinden großen Respekt und große Dankbarkeit angesichts Deines Wirkens, mit dem Du die Herzen der Menschen erreicht und die Kirche Deutschlands nachhaltig geprägt hast", erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx . Er habe viel von Lehmann gelernt und bewundere seine theologische Brillanz, aber auch seinen Humor und seine Menschenfreundlichkeit.

Zum Bischof war Lehmann im Juni 1983 vom damaligen Papst Johannes Paul II. ernannt worden. Der am 16. Mai 1936 in Sigmaringen geborene Sohn eines Volksschullehrers hatte da bereits eine beachtliche wissenschaftliche Karriere hinter sich. Er studierte Theologie und Philosophie in Freiburg und Rom und arbeitete schließlich als Assistent des Theologen Karl Rahner an den Universitäten von München und Münster. In den 60er Jahren nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom teil. Schon mit 32 Jahren übernahm Lehmann in Mainz den Lehrstuhl für katholische Dogmatik. Drei Jahre später wurde er in Freiburg Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie. Noch wenige Tage vor seinem Abschied erklärte er: "Die Theologie blieb in vieler Hinsicht eine erste Aufgabe, aus der vieles im kirchlichen Alltag hervorging, und auf jeden Fall meine bleibende Leidenschaft." Das Gesicht der katholischen Kirche in Deutschland wurde er schließlich im Jahr 1987, als er zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt wurde. Er prägte das Amt mehr als zwei Jahrzehnte lang. Im Februar 2008 gab er den Vorsitz aus gesundheitlichen Gründen ab. Gerade seine Zeit als Vorsitzender der Bischofskonferenz festigte Lehmanns Ruf als liberaler Vordenker. Er focht in dieser Zeit manchen Kampf mit den Konservativen in Rom aus. So verteidigte er lange die Schwangerenkonfliktberatung durch die katholische Kirche in Deutschland gegen den Papst.

Papst Johannes Paul II. ernannte ihn dennoch im Jahr 2001 zum Kardinal. Lehmann war bei aller theologischen Brillanz immer ein Bischof, der nah bei den Gläubigen war, und auch ihre Sprache sprach. Nicht umsonst verliehen ihm die Aachener Karnevalisten vor elf Jahren den "Orden wider den tierischen Ernst". In seinem Schlusswort gab er gestern den Menschen die Botschaft mit auf den Weg: "Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe."