Erfolgreich, aber unzufrieden

An positiven Nachrichten herrscht derzeit kein Mangel. Die fast vier Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie konnten sich zu Pfingsten über die Aussicht auf ein sattes Lohnplus von 4,8 Prozent freuen. Ähnlich hoch fällt der Tarifabschluss für zwei Millionen öffentlich Bedienstete aus. Den 20 Millionen Rentnern winkt im Juli ein historischer Zuwachs der Altersbezüge. Und da geht noch mehr: Überraschend stark, nämlich um 0,7 Prozent, hat das deutsche Bruttosozialprodukt im ersten Quartal zugelegt, weit über dem EU-Schnitt. Es gibt Beschäftigungsrekorde. Trotzdem hängt eine bleierne Schwere über dem Land. Warum eigentlich?

Zum einen wohl, weil der persönliche Wohlstand zerbrechlicher geworden ist. Wer im fortgeschrittenen Alter arbeitslos wird, hat kaum Chancen, wieder einen ordentlichen Job zu finden. Und die Chiffre Hartz IV wirkt wie eine düstere Prophezeiung. Selbst für jene, die damit nie in Berührung kommen dürften. Aber die Verunsicherung ist da. Und sie erzeugt Ängste. Mit diesen Ängsten wird politisch gespielt. Je komplizierter die Welt, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach einfachen Lösungen. Je mehr Informationen auf sie einprasseln, umso weniger können viele damit umgehen. Das machen sich Rechtspopulisten zunutze. Etablierte Parteien in ihrer Ratlosigkeit spielen das Spiel auch noch mit.

Der Sozialstaat sei gar keiner mehr. So lautet eine der Thesen, die Linke wie Rechte derzeit propagieren. Das wäre Anfang der 2000er Jahre zutreffender gewesen. Damals gab es fünf Millionen Arbeitslose im Land und immer klammere Sozialkassen. Dass sich die Lage wieder zum Besseren wendete, verdankt sich zum großen Teil genau jenen rot-grünen Agenda-Reformen, bei denen die SPD bis heute das schlechte Gewissen plagt.

Um es zu beruhigen, wird eine Debatte über Altersarmut vom Zaun gebrochen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Auch Medien spielen eine unrühmliche Rolle. So hat der WDR kürzlich "vorgerechnet", dass 2030 fast jedem zweiten Bundesbürger Altersarmut droht, dabei aber unter anderem die Haushaltseinkommen mit den individuellen Einkommen verwechselt. Dennoch wurde der Unsinn zum Beleg für schlimmstes Rentnerelend im Land.

Auch Wissenschaftler sind vor Irrtümern nicht gefeit. Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat immerhin seine viel beachtete Studie über das Schrumpfen der Mittelschicht im Nachhinein offiziell korrigiert. Die neuen Zahlen sind weit weniger dramatisch als die alten. Das passt zum Gesamteindruck: Ein halbes Glas Wasser kann man zwar als halb voll oder halb leer betrachten. Aber wohl nur die Deutschen sind dazu fähig, über ein fast volles Glas zu lamentieren.