Ein Ackergift als Feindbild

Die Chemikalie Glyphosat steht für vieles, was in der intensiven Landwirtschaft seit Jahrzehnten schief läuft. Weil das Pflanzengift vergleichsweise billig ist, wird es in großen Mengen auf die Äcker gebracht. Es ist ein Breitband-Killer, es tötet so ziemlich alles, was nicht die Pflanze ist, die der Bauer ernten will: schädliches Unkraut, unschädliches Unkraut, Moose, Pilze und Flechten. Glyphosat gehört damit zu den chemischen Keulen, die dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Insekten schrumpft, dass Schmetterlinge immer seltener eine Nahrungsgrundlage haben, dass Kinder kaum mehr Frösche sehen und Vogelarten dezimiert werden.

So weit sind sich fast alle einig, denen der Schutz der Umwelt am Herzen liegt. Für die Grünen ist Glyphosat noch ein bisschen mehr. Sie haben es zum Feindbild erhoben, das Ackergift dient ihnen als Instrument im Glaubenskrieg gegen die konventionelle Landwirtschaft. Wohl gemerkt: Es spricht einiges dafür, dass sie mit der Verteufelung von Glyphosat Recht haben. Studien bescheinigen dem Mittel, krebserregend zu sein. Nicht etwa dubiose Studien, es ist immerhin eine Unterabteilung der Weltgesundheitsorganisation , die zu diesem Ergebnis kommt. Aber: Es gibt eben auch andere Untersuchungen. So konnte eine Behörde der EU, die sich mit Lebensmittelsicherheit beschäftigt, bei sachgemäßem Gebrauch keine Gefahr erkennen.

Die Risiko-Bewertung könnte also genauso auch zu diesem Ergebnis kommen: Die Dinge bei Glyphosat liegen ähnlich wie bei vielen anderen Giften - es kommt auf die Dosis an. Bei Überdosierung drohen Gefahren für Natur und Mensch. Vermutlich werden sich auch bei allen anderen chemischen Pflanzenschutzmitteln ähnliche Risiken finden, wenn man lange genug testet. Ist es aber wirklich realistisch, dass die Landwirtschaft komplett ohne Chemie auskommt?

Nächste Woche soll nun in Brüssel entschieden werden, wie es mit dem Ackergift weitergeht. Wahrscheinlich ist, dass es noch einmal für neun Jahre eine Zulassung bekommt. Diese Entscheidung ist aber nur dann vertretbar, wenn sie von klaren Regeln flankiert wird. Einen Persilschein auf Jahre hinaus darf Glyphosat nicht bekommen. Es muss sichergestellt sein, dass der Stoff in besonders sensiblen Bereichen verboten wird. Das heißt: Auf Kinderspielplätzen, in Parks und kurz vor der Ernte muss der Einsatz tabu sein. Zudem muss dafür gesorgt werden, dass das Gift nicht in die Hände von Laien gerät. Nur Fachleute, also Landwirte und ausgebildete Gärtner, sollten Glyphosat überhaupt benutzen dürfen.

Klar ist ohnehin: Wenn sich in den nächsten Monaten bei weiteren laufenden Tests von EU-Behörden einwandfrei herausstellt, dass Glyphosat gefährlich ist, muss Brüssel den Unkrautkiller sowieso aus dem Verkehr ziehen. Und zwar für immer.