| 00:00 Uhr

Französisch – Jetzt erst recht!

Selten hat eine Bildungsreform in Frankreich so viel Staub aufgewirbelt wie die Pläne von Ministerin Najat Vallaud-Belkacem. Kritiker befürchten nicht weniger als das Ende des Deutschunterrichts. "Zehn Jahre währende Bemühungen mit einem beachtlichen Erfolg in der Akzeptanz der deutschen Sprache in den Collèges und Lycées sollen hier mit einem Federstrich zunichtegemacht werden", schimpft die Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften.Tatsächlich plant Vallaud-Belkacem eine Reform der Mittelschule, die in erster Linie den Sprachunterricht betrifft. Jörg Wingertszahn

Vor allem das Modell der zweisprachigen Klassen, wo Englisch und Deutsch gleichzeitig unterrichtet wurden, ist in Gefahr. Von diesem Modell hat vor allem das Deutsche profitiert, das in Frankreich als ungeliebte und schwere Sprache gilt. Sich für Deutsch zu entscheiden ist in etwa so, als würde ein deutscher Schüler Latein wählen. Im Doppelpack mit Englisch konnte man das Deutsche aber vielen Schülern wieder schmackhaft machen. Zeitweise war die Zahl der Deutsch lernenden Schüler in Frankreich auf dramatische sieben Prozent gefallen. Ein Wert von unter zehn Prozent galt Bildungsexperten immer als Alarmsignal. Dank der zweisprachigen Klassen ist der Anteil wieder auf 15 Prozent gestiegen.

Der Verein für die Förderung des Deutsch-Unterrichts rechnet nun vor, dass mit dem Ende der bilingualen Klassen Schüler im Laufe von vier Jahren künftig auf 216 Unterrichtsstunden verzichten müssen. Damit nicht genug: Künftig sollen nicht mehr die Eltern die Sprachwahl ihrer Kinder bestimmen, sondern die Schüler . Aber ist es tatsächlich klug, solch eine strategische Entscheidung wie die Sprachenwahl einem Zwölfjährigen zu überlassen? Viele dürften sich dann für das vermeintlich leichtere Spanisch entscheiden. Zudem kann der Herdentrieb ungeahnte Folgen haben: "Du machst Spanisch? Dann mache ich das auch!" So gesehen ist es nur konsequent, dass das Saarland Schüler zum Französischlernen verpflichtet, wenn nicht als erste, dann als zweite Fremdsprache. Freiwillig würden sich viel weniger dafür entscheiden.

Nun kann man Vallaud-Belkacem nicht unterstellen, sie würde den Deutschunterricht sabotieren, sie nimmt jedoch in Kauf, dass ihre Reform eine Dynamik entwickelt, die auf Kosten des Deutschen geht. Paradoxerweise spielt das der saarländischen Landesregierung in die Hände, die sich in ihrer mutigen Frankreich-Strategie, dem Ziel des zweisprachigen Saarlands, bestätigt sehen darf. Je weniger Franzosen Deutsch lernen, desto wertvoller sind Französischkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt. Die Frankreichkompetenz der Saarländer könnte zu einem entscheidenden Alleinstellungsmerkmal werden.